Mit dem A350-1000 bekommt die Lufthansa ein Flaggschiff auf Weltniveau, doch gerade dieses Flugzeug macht die Lufthansa Allegris Probleme sichtbarer denn je.

Am 3. Dezember hebt der erste Lufthansa A350-1000 in München Richtung Tokio ab, und an Bord wartet das Beste, was die Airline in ihrer Geschichte angeboten hat. Für Euch ist das eine gute Nachricht, denn Allegris Business und First gehören inzwischen zu den stärksten Produkten am Markt. Für die Lufthansa ist es zugleich ein unbequemer Spiegel: Fast ein Jahrzehnt nach der ersten Ankündigung bleibt Allegris in der Flotte Glückssache, und über die nächste Sitzgeneration spricht im Konzern noch niemand.

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Der A350-1000 ist das beste Flugzeug der Lufthansa

Man muss es so deutlich sagen: Mit diesem Flugzeug macht die Lufthansa fast alles richtig. Der A350-1000 bietet Platz für 300 Gäste in vier Klassen, davon 49 in der Business Class mit acht Suiten, 35 in der Premium Economy und 212 in der Economy. In der Allegris First gibt es zwei Einzelsuiten und eine Suite Plus, die sich auch zu zweit nutzen lässt. Laut Heiko Reitz, Bereichsvorstand der Lufthansa Airlines, bietet das neue Flaggschiff “40 Prozent mehr Business und Premium Economy Sitze”.

Lufthansa Airbus A - beim Start
Der erste Lufthansa A350-1000 beim Start in Toulouse

Los geht es mit LH 714 von München nach Tokio-Haneda, in den Wochen danach folgen Shanghai und Singapur, alle im Wechsel mit dem A350-900 und alle mit Allegris. Insgesamt hat der Konzern 15 Maschinen bestellt, die bis 2030 kommen sollen, die ersten zehn fliegen für Lufthansa ab München. Alle Details zum Start lest Ihr in unserer News zum Erstflug des A350-1000.

Dass der Premium-Hub München damit noch einmal gestärkt wird, ist eine richtige Entscheidung. Die Nachfrage in den vorderen Kabinen ist hoch, und mehr Business Class Sitze pro Flug sind genau das, was der Konzern selbst als Engpass beschreibt. Wer im A350-1000 sitzt, fliegt das modernste Langstreckenprodukt, das es je unter dem Kranich gab.

Allegris bleibt ab Frankfurt Glückssache

Das Problem beginnt beim Rest der Flotte. Beim Kapitalmarkttag am 29. September 2025 hat die Lufthansa Group angekündigt, dass Allegris und Swiss Senses bis 2030 mehr als 95 Prozent der Sitze in der Großraumflotte ausmachen sollen. Die bestehenden A350-900 sollen erst ab 2027 umgerüstet werden, wie wir in unserer News zum Allegris-Zeitplan berichtet haben. Bis Ende 2026 soll laut Handelsblatt etwas mehr als die Hälfte der Business Class Sitze modernisiert sein. Selbst dann sitzt fast jeder zweite Gast weiter im alten Produkt.

Eine Gesamtzahl der Allegris-Flugzeuge nennt die Lufthansa nicht, belegbar ist nur der Zuwachs. Im zweiten Quartal kamen laut Halbjahresbericht drei weitere Boeing 787-9 mit Allegris nach Frankfurt, und zwei ursprünglich für LOT gebaute 787-9 sollen ebenfalls die neue Kabine bekommen, wie unsere News zu den LOT-Dreamlinern zeigt.

Lufthansa Allegris Business Class
Allegris Business gibt es ab München fast überall

Wie ungleich das verteilt ist, zeigt der Winterflugplan. Ab München fliegt Allegris im A350-900 unter anderem nach Kapstadt, Chicago, Los Angeles, Miami, Newark, New York, São Paulo, Shanghai, Singapur und Tokio, ab März 2027 kommt Washington dazu. Die vollständige Liste findet Ihr in unserer Übersicht der Allegris Strecken ab München. Ab Frankfurt dagegen hängt es von der Maschine ab, denn dort fliegen neben den neuen Dreamlinern weiterhin Jets mit der alten Business Class.

Für Euch heißt das ganz praktisch: Ab München ist Allegris fast Standard, ab Frankfurt Glückssache. Wer gezielt das neue Produkt will, muss den Flugzeugtyp bei jeder Buchung prüfen, welcher Sitz der beste ist, zeigt unser Allegris Sitzvergleich. Dass Spohr wegen der verspäteten Boeing 777-9 im Sommer 2027 sogar mehr alte A340-300 fliegen lässt, macht die Sache nicht besser.

Im A380 hat die Lufthansa den Allegris Plan schon aufgegeben

Am deutlichsten wird der Abschied vom ursprünglichen Plan beim größten Flugzeug der Flotte. Der A380 bekommt kein Allegris, sondern einen Business Class Sitz von der Stange. Im April 2026 war laut Halbjahresbericht die erste Maschine mit der neuen Business Class fertig, bis Mitte 2027 sollen alle acht umgerüstet sein. Welche Unterschiede es zwischen beiden Produkten gibt, haben wir im Vergleich von A380 und Allegris ausführlich beschrieben.

Lufthansa A Business Class nach dem Umbau
Im A380 fliegt ein Sitz von der Stange

Die Zertifizierungsprobleme, wegen derer im Dreamliner über Monate Allegris Sitze gesperrt bleiben mussten, sind inzwischen Geschichte. Sie haben aber eine Lehre hinterlassen, die man in Frankfurt offenbar verstanden hat: Ein bewährter Sitz eines etablierten Herstellers ist schneller im Flugzeug als eine Eigenentwicklung. Die Umrüstung des A380 läuft deutlich zügiger als alles, was die Lufthansa bei Allegris je geschafft hat.

Das ist ausdrücklich ein Lob, und zugleich das stärkste Argument für das, was in den kommenden Jahren passieren muss. Ein Sitz von der Stange in Lufthansa-Optik funktioniert, das beweist der A380 gerade im Linienbetrieb.

Allegris First gibt es fast nur ab München

Bei der First Class zeigt sich dasselbe Bild in verschärfter Form. Die Allegris First fliegt im A350-900 mit drei Suiten und ab Dezember im A350-1000 mit zwei Einzelsuiten und der Suite Plus, beide ab München. Ab Frankfurt gibt es im Winter nur die klassische First Class in der Boeing 747-8, denn den A340-600 hat die Lufthansa nach dem 18. Oktober 2026 endgültig ausgeflottet. Wo welche First fliegt, zeigt unsere Übersicht der Lufthansa First Class Strecken.

Dabei hat die Lufthansa beim Erlebnis rund um den Sitz zuletzt vieles richtig gemacht. Seit Ende März gibt es mit dem Programm FOX in der First ein neues Menü von Zweisternekoch Christoph Kunz, Kaviarservice, eine größere Auswahl beim Zusammenstellen des Menüs und mit La Grande Dame von Veuve Clicquot erstmals einen festen Prestige-Champagner. Seit Mai gilt FOX auf allen Langstrecken in allen Klassen, laut Jens Ritter mit über 70 Millionen Euro Investition allein in diesem Jahr.

Lufthansa Allegris First Class Suite
Die Allegris First Class Suite gehört zur Weltspitze

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Bei den Skytrax Awards 2026 hat die Lufthansa den ersten Platz für das beste First Class Catering der Welt geholt. Wie ich bei meinem Test der Allegris First Class selbst erleben durfte, ist der Sitz ein Quantensprung, und zusammen mit den First Class Lounges und dem Transfer zum Flugzeug spielt die Lufthansa beim Gesamterlebnis heute in der obersten Liga.

Umso ärgerlicher ist, dass Ihr dieses Gesamterlebnis nur ab München in vollem Umfang bekommt. Wer ab Frankfurt First fliegt, bekommt den neuen Service im alten Sitz. Das ist immer noch gut, aber eben nicht das Produkt, mit dem die Lufthansa wirbt.

Die Allegris Probleme haben ein Jahrzehnt Innovation gekostet

Angekündigt wurde Allegris erstmals 2017, die ersten Maschinen flogen 2024. Die Gründe dafür sind bekannt: Eigenentwicklung, Zulieferer, Zertifizierung. Weniger beachtet wird, was in dieser Zeit bei der Konkurrenz passiert ist. Während die Lufthansa vor allem damit beschäftigt war, das eigene Produkt überhaupt in die Luft zu bringen, haben andere Airlines eine komplette Generation eingebaut und arbeiten schon an der nächsten.

American Airlines neue Business Class
Andere Airlines sind schon eine Generation weiter

Ein Beispiel genügt: American Airlines fliegt seit dem 2. September 2026 mit der neuen Flagship Suite mit Türen in der Boeing 777-300ER und hat die First Class auf der Langstrecke zum 19. November 2026 eingestellt, wie unsere News zur Flagship Suite zeigt. Auch Joint-Venture-Partner United ist mit einer neuen Business Class Generation unterwegs. Gerade über den Nordatlantik, wo die Lufthansa einen großen Teil ihres Premiumumsatzes erzielt, ist das kein Detail.

Allegris war ein echter Generationssprung, und in der First ist der Vorsprung heute groß. In der Business Class kam der Sprung aber so spät, dass der Abstand zur Konkurrenz nur kurz hält. Das ist der eigentliche Preis der Lufthansa Allegris Probleme: nicht die Verspätung selbst, sondern die verlorene Zeit für das, was danach kommt.

Die nächste Sitzgeneration muss die Lufthansa von der Stange kaufen

Wie dringend diese Frage ist, zeigt eine Meldung, die im Frühjahr fast untergegangen ist. Im Mai hat der Aufsichtsrat zehn weitere Airbus A350-900 und zehn Boeing 787-9 bestellt, ausgeliefert werden sie zwischen 2032 und 2034. Welche Kabine in diesen Flugzeugen steckt, hat die Lufthansa bislang nicht gesagt. Wer 2032 noch das Allegris-Design von heute einbaut, fliegt 2040 mit einem Produkt, das dann mehr als 15 Jahre alt ist.

Die Lehre aus dem A380 liegt auf der Hand: keine Eigenentwicklung mehr, sondern das beste verfügbare Produkt auf dem Markt in Lufthansa-Optik. Das ist kein Eingeständnis des Scheiterns, sondern schlicht die schnellste Methode, um wieder auf Augenhöhe zu kommen. Auch bei der Boeing 777-9, die ursprünglich 2027 die ersten Allegris-Kabinen ab Frankfurt bringen sollte, rechnet Spohr inzwischen nicht mehr mit einem Einsatz im Sommer 2027.

Lufthansa Allegris First Class Suite Plus
Die Suite Plus zeigt was die Lufthansa kann

Wie viel Potenzial vorhanden ist, zeigt der A350-1000 selbst. Wer die Suite Plus sieht, versteht, warum die Lufthansa mit der Weltspitze mithalten kann, wenn sie es will. In unserer Kolumne zum Allegris Durchbruch haben wir die Fortschritte des Frühjahrs bereits positiv bewertet. Die entscheidende Frage ist jetzt, ob der Konzern die nächste Generation rechtzeitig plant, statt sie wieder ein Jahrzehnt lang selbst zu entwickeln.

Mit dem A350-1000 wird das verlorene Jahrzehnt nur kürzer

Der A350-1000 ist ein großartiges Flugzeug, und die Allegris First gehört heute zu den besten Produkten der Welt. Daran gibt es nichts zu deuteln. Doch die Lufthansa Allegris Probleme bestehen weiter, sie sind nur ab München nicht mehr zu sehen: in einer Flotte, in der Ihr ab Frankfurt weiter Glück braucht, in einem A380 ohne Allegris und in neu bestellten Flugzeugen ohne erkennbaren Plan für die Kabine.

Die gute Nachricht ist, dass die Lufthansa den Weg kennt. Mit dem A380 hat sie bewiesen, dass ein zugekaufter Sitz in kurzer Zeit in die Flotte kommt, und mit FOX und der Allegris First, dass sie Service und Produkt auf Weltniveau liefern kann. Was fehlt, ist ein klarer Plan für die Jahre nach 2030, und den solltet Ihr als Vielflieger ruhig einfordern. Bis dahin gilt für Eure Buchung eine einfache Regel: Flugzeugtyp prüfen und im Zweifel lieber ab München fliegen.

Lufthansa Allegris First Class Suite Plus
Die Suite Plus ist das neue Aushängeschild der Lufthansa

Wer am 3. Dezember in München in die Suite Plus steigt, erlebt die beste Lufthansa aller Zeiten – und sollte trotzdem wissen, dass er in einem von wenigen Flugzeugen sitzt, die zeigen, was die Airline schon vor Jahren hätte sein können.

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Autor

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