Zwei volle Jahre nach dem Start geht die Rechnung für die Lufthansa auf – nur hat das Miles & More Statusprogramm in zwölf Monaten achtmal nachgebessert. Was für eine Nachricht sendet das?
Statuspunkte statt Statusmeilen, kontinentale und interkontinentale Segmente statt einer Berechnung nach Distanz und Buchungsklasse: Mit den Veränderungen bei Miles & More hat die Lufthansa Anfang 2024 für einen Erdrutsch gesorgt. Inzwischen läuft das dritte Qualifikationsjahr, das anfangs so fremde System ist Alltag geworden – und aus der Distanz lassen sich zwei Dinge gleichzeitig sagen: Betriebswirtschaftlich funktioniert das Programm. Beim Kunden ist offenbar noch Luft.
Warum das Programm für Lufthansa aufgeht
Bei der Umstellung von der distanzbasierten auf die umsatzbasierte Gutschrift von Prämienmeilen wurden die Macher des Programms dafür kritisiert, Miles & More in ein Vielzahlerprogramm zu verwandeln. Beim Statusprogramm ist man wenige Jahre später bewusst den umgekehrten Weg gegangen: Wie viele Points ein Flug bringt, hängt bis heute nur von der Reiseklasse ab und davon, ob das Segment kontinental oder interkontinental ist. Der bezahlte Preis spielt keine Rolle – selbst ein fünfstelliges Ticket bringt einen nicht im Alleingang zum Status.
Dazu kommt die jährliche Qualifikation. Statt einer über zwei Jahre laufenden Statuslogik zählt heute das Kalenderjahr; wer den Status erreicht, behält ihn bis Ende Februar des übernächsten Jahres. Das sogenannte tote Jahr, in dem viele Vielflieger ihre Meilen anderswo gesammelt haben, war damit erledigt. Aus Verbrauchersicht eine negative Änderung, aus Sicht des Programms ein kluger Schritt: Statt nur jedes zweite Jahr lässt sich nun in jedem Jahr zu irrationalem Verhalten motivieren.
Der dritte Baustein ist die Hürde der Qualifying Points. Für den Frequent Traveller Status sind neben 650 Points auch 325 Qualifying Points nötig, für den Senator neben 2.000 Points weitere 1.000 – jeweils exakt die Hälfte, und die gibt es nur bei der Lufthansa Group und den mitherausgebenden Partnern. Bei der Flugsuche ertappe ich mich noch immer dabei zu prüfen, ob ich Lufthansa oder LOT statt TAP Portugal oder United fliege, obwohl das Bordprodukt dort besser sein mag.
Wie konsequent das ist, zeigt der Blick nach London. Seit dem 1. April 2025 heißt das Programm von British Airways The British Airways Club und vergibt Tier Points strikt nach Ausgaben: ein Tier Point je britischem Pfund, inklusive Sitzplatzreservierung, Zusatzgepäck und Pauschalreisen. Bis zu 2.500 Tier Points im Jahr kommen dort allein über die Kreditkarte zusammen. Miles & More koppelt den Status dagegen bis heute an das, was man tatsächlich fliegt.
Was der Senator Status heute kostet
Die Punktetabelle, die Miles & More seit Programmstart veröffentlicht, kommt bis heute mit zwei Kriterien aus. Points, Qualifying Points und HON Circle Points werden pro Flugsegment in gleicher Höhe gutgeschrieben, sofern die jeweiligen Bedingungen erfüllt sind. Nach Angaben von Miles & More gelten im August 2026 diese Werte je Flugsegment:
| Flugsegment | Economy Class | Premium Economy | Business Class | First Class |
|---|---|---|---|---|
| Kontinental | 20 | 20 | 40 | 40 |
| Interkontinental | 60 | 80 | 200 | 400 |
Zum 1. Januar 2026 gab es die erste Änderung überhaupt an dieser Tabelle: Interkontinentale First Class Segmente bringen seitdem 400 statt 300 Points, Qualifying Points und HON Circle Points. Eine kleine Korrektur mit großer Symbolik, denn sie kommt ausgerechnet jener Gruppe zugute, die ohnehin die höchsten Ticketpreise zahlt. Für den Senator Status, der 2.000 Points und 1.000 Qualifying Points pro Kalenderjahr verlangt, verschiebt sie die Rechnung spürbar.

Ein First Class Umlauf mit Zubringern bringt heute 880 Points: zweimal 400 auf der Langstrecke plus zweimal 40 für die Zubringer in der Business Class. Nach zwei solchen Umläufen stehen 1.760 Points im Konto, ein einzelner weiterer Langstreckenflug macht das Ziel voll. Aus den drei Hin- und Rückflügen, die vor 2026 nötig waren, sind zweieinhalb geworden.
In der Business Class hat sich dagegen nichts bewegt. 200 Points je Langstreckensegment plus 40 Points für den jeweiligen Zubringer ergeben 480 Points pro Hin- und Rückflug. Nach vier Umläufen fehlen mit 1.920 Points noch ein paar Punkte zum Senator, nach fünf ist die Schwelle klar gerissen. Vier bis fünf Langstreckenreisen im Jahr bleiben damit der realistischste Weg in den Star Alliance Gold Status.
Und selbst in der Economy Class ist der Senator erreichbar, wenn auch mühsam: 60 Points je Langstreckensegment und 20 Points je Zubringer summieren sich auf 160 Points pro Hin- und Rückflug, macht 13 Langstreckenreisen im Jahr. Innerhalb Europas sind es genau 100 Economy Class Flüge oder 50 Business Class Flüge. Vor der Umstellung wäre eine Qualifikation in den günstigen Buchungsklassen völlig undenkbar gewesen.
Acht Lockerungen in zwölf Monaten
Interessanter als die Tabelle selbst ist aber, was rund um sie passiert ist. Wer die Veröffentlichungen von Miles & More seit Herbst 2025 nebeneinanderlegt, findet in zwölf Monaten acht Änderungen – und alle gehen in dieselbe Richtung:
| Zeitpunkt | Änderung |
|---|---|
| September 2025 | Marriott Bonvoy bringt 40 Points je Aufenthalt, maximal 120 Points im Jahr |
| Oktober 2025 | Die Miles & More Kreditkarte gibt zum Neuabschluss erstmals auch 40 Points |
| Dezember 2025 | eVoucher lassen sich in je 50 Points, Qualifying Points und HON Circle Points tauschen |
| Dezember 2025 | Senatoren und HON Circle Member können überschüssige Points ins Folgejahr übertragen |
| Januar 2026 | Interkontinentale First Class Segmente bringen 400 statt 300 Points |
| Anfang 2026 | Bei Marriott Bonvoy genügt eine bezahlte Nacht statt bislang zwei |
| Juni 2026 | 50 Prozent mehr Points in der Premium Economy Class bis Ende August, also 120 statt 80 |
| Juli 2026 | Der Frequent Traveller Status wird für 650 Euro oder 80.000 Meilen kaufbar |
Die Partnerschaft mit Marriott Bonvoy war dabei der erste Bruch, denn sie öffnete den Status für etwas, das kein Flug ist. Die Größenordnung bleibt überschaubar: 120 Points sind sechs Prozent der 2.000 Points für den Senator. Beim Frequent Traveller sind es allerdings gut 18 Prozent der nötigen 650 Points, und Qualifying Points gibt es für Hotelübernachtungen ausdrücklich keine.

Die eVoucher-Regelung wiegt schwerer, als sie klingt. Wer die Upgrade-Gutscheine nicht braucht, tauscht sie in Statuspunkte – pro Jahr unbegrenzt und inklusive Qualifying Points. Und Senatoren wie HON Circle Member dürfen überschüssige Points seither ins nächste Kalenderjahr mitnehmen. Damit ist das tote Jahr in kleiner Dosis zurück – ausgerechnet die Mechanik, die das neue Statusprogramm zwei Jahre zuvor abgeschafft hatte.
Der Status lässt sich inzwischen sogar kaufen
Am deutlichsten wird die Entwicklung dort, wo man sie am wenigsten erwartet: bei der eigenen Kreditkarte. Seit die Deutsche Bank die Miles & More Kreditkarten im Oktober 2025 von der DKB übernommen hat, enthält der Willkommensbonus der Gold Credit Card neben 4.000 Meilen auch 40 Points. Statuspunkte allein dafür, eine Karte zu beantragen – das gab es unter dem alten Herausgeber nicht.
Miles & More Kreditkarte Gold
- Frequent Traveller Status bis 30. September 2026 für 650 Euro oder 80.000 Meilen erwerbbar
- Unbegrenzte Gültigkeit von Miles & More Meilen
- 1 Miles & More je zwei Euro Umsatz sammeln
- Premiumversicherungen für Reisen & Mietwagen
- Zwei kostenfreie Abhebungen im Ausland pro Jahr
- Marriott Bonvoy Silver Elite Status inklusive
- Kostenloses Wolt+ inklusive doppelter Meilen
Seit dem 29. Juli 2026 geht es noch einen Schritt weiter. Inhaber der Gold Credit Card können den Frequent Traveller Status direkt kaufen: für 650 Euro oder 80.000 Meilen, buchbar bis Ende September, gültig bis Ende Februar 2027. Für ein Programm, das den Status sonst konsequent hinter erflogenen Points verteidigt, ist das ein bemerkenswerter Vorgang.

Ein gutes Geschäft ist es nicht. Gekauft wird gut ein halbes Jahr Frequent Traveller, also die unterste Statusstufe, und wer mit Meilen zahlt, legt nach unserer Bewertung mehr als das Doppelte des Barpreises hin. Warum die Karte damit trotzdem erst am Anfang steht, habe ich an anderer Stelle aufgeschrieben. Hier zählt etwas anderes: Die Grenze ist gefallen. Ein Vielfliegerstatus ist erstmals ohne einen einzigen Flug zu haben.
Was sich daraus lesen lässt – und was nicht
Vorweg: Was in den internen Auswertungen von Miles & More steht, wissen wir nicht. Zahlen zur Zufriedenheit der Mitglieder veröffentlicht das Programm nicht, und aus acht Änderungen lässt sich keine Stimmungslage beweisen. Wer will, kann jede einzelne davon für sich genommen als ganz normale Programmpflege lesen.
Auffällig ist trotzdem die Richtung. In zwölf Monaten wurde das Sammeln achtmal erleichtert und kein einziges Mal erschwert. Bei einem System, das gerade erst eingeführt wurde und dessen erklärter Zweck es war, die Hürden klarer und höher zu setzen, ist das zumindest bemerkenswert. Programme, bei denen die Qualifikation rundläuft, bauen normalerweise keine zusätzlichen Wege ein.
Lufthansa selbst formuliert es in der Mitteilung zur Marriott-Partnerschaft übrigens recht offen: Die Kooperation solle es den Teilnehmenden ermöglichen, ihren Status schneller zu erreichen oder zu halten. Das ist keine Aussage über Unzufriedenheit, aber eben auch keine über ein Problem, das es nicht gibt.
Fairerweise gibt es eine zweite Lesart, und sie ist gut begründet: Die Lufthansa Group hat die Partnerschaft ausdrücklich als Teil einer umfassenden Loyalitätsstrategie angekündigt. Dann ginge es weniger um Nachbesserung als um den Ausbau eines Ökosystems, in dem Reisende möglichst viel innerhalb einer Markenfamilie erledigen. Beide Lesarten schließen sich nicht aus – wer sein Ökosystem ausbaut, tut das selten aus einer Position der völligen Zufriedenheit heraus.
Leichter zu erreichen, aber nicht mehr wert
Es gibt allerdings eine Stellschraube, die in diesen zwölf Monaten unberührt geblieben ist. Die Extra Benefits – also die Zusatzvorteile, die Statuskunden ab einer bestimmten Zahl an Qualifying Points bekommen, vom Upgrade Voucher über die Partnerkarte bis zum First Class Lounge Voucher – tragen auf der Miles & More Seite bis heute den Vermerk Stand Oktober 2023. Sie sind also seit dem Programmstart nicht angefasst worden.
Damit ergibt sich ein schiefes Bild: Der Weg zum Status wurde achtmal breiter gemacht, das Ziel selbst kein einziges Mal attraktiver. Wer als Vielflieger darüber nachdenkt, ob sich das Hamsterrad noch lohnt, stellt genau diese Frage – und bekommt seit drei Jahren dieselbe Antwort.

Aus meiner Sicht liegt hier der eigentliche Hebel. Zusätzliche Sammelwege holen Mitglieder über eine Schwelle, an der sie ohnehin schon standen. Ein spürbar besserer Status würde dafür sorgen, dass sie sie überhaupt anstreben. Das eine ist deutlich billiger zu haben als das andere, was die Reihenfolge erklären dürfte.
Die simple Logik bleibt der größte Vorteil
Bei allem, was sich in zwölf Monaten verschoben hat: Der wichtigste Vorzug des Programms ist geblieben. Im Vergleich zur Konkurrenz ist es tatsächlich simpel, und das dürfte gerade bei Einsteigern zählen. In der Welt der Vielflieger vergisst man gerne, dass sich die meisten Reisenden nicht tief in Details und Bedingungen einlesen möchten.
Beim Miles & More Statusprogramm ist das auch nicht nötig. Zwar wirken die Kontinentalgrenzen teils willkürlich – Ägypten, Algerien, Libyen, Marokko und Tunesien zählen zur Europa-Zone – doch die Grundidee passt in einen Satz. Bei Programmen mit Gutschrift nach Buchungsklasse und Distanz versteht man als Laie schlichtweg nicht, was ein Flug bringt.

Unterm Strich bleibt es deshalb dabei: Aus betriebswirtschaftlicher Sicht hat die Lufthansa mit dem neuen Statusprogramm viel richtig gemacht. Die Kombination aus simpler Logik, jährlicher Qualifikation und dem faktischen Zwang, mit der eigenen Gruppe zu fliegen, erfüllt genau ihren Zweck – und im Vergleich zu den deutlich schmerzhafteren Umstellungen anderer Programme steht Miles & More gut da.
Nur scheint das Programm bei den Kunden noch nicht ganz dort angekommen zu sein, wo man es sich erhofft hatte. Sonst bräuchte es nicht acht neue Wege in zwölf Monaten. Spannend wird, was zuerst kommt: die neunte Lockerung – oder endlich ein Update bei dem, was der Status am Ende wert ist.




