Mit dem Lufthansa First Row Seat kostet die erste Reihe der europäischen Business Class plötzlich extra – obwohl dort exakt derselbe Sitz steht wie zwei Reihen weiter hinten.

Seit dem 22. Juli 2026 hat die Lufthansa Group ihr Sitzplatzportfolio auf der Kurz- und Mittelstrecke umgebaut und dabei zwei neue Sitzplatzkategorien eingeführt: den Back Seat in der Economy Class und den First Row Seat in der Business Class. Verkauft wird in beiden Fällen kein besserer Sitz. Der Back Seat betrifft die letzten Reihen und damit die unbeliebtesten Plätze im Flugzeug, kostet mit 12 Euro aber nur drei Euro weniger als ein regulärer Classic Seat. Wirklich kurios ist jedoch die Neuerung in der Business Class.

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Die erste Reihe ist nicht besser – sie ist nur vorne

Der First Row Seat gilt auf allen kontinentalen Flügen von Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines, Brussels Airlines, Air Dolomiti und Lufthansa City Airlines. HON Circle Member und Senatoren dürfen die erste Reihe weiterhin kostenlos reservieren, alle anderen Passagiere zahlen künftig einen Aufpreis. Auf der Strecke Berlin–Zürich sind es 29 Euro, je nach Verbindung reicht die Spanne nach unseren Recherchen bis knapp 45 Euro.

Formal übernimmt die Lufthansa Group damit eine Kategorie, die es bei ITA Airways schon gibt. Der Vergleich trägt allerdings nur begrenzt: Bei ITA betrifft der Aufpreis vor allem die Airbus A321LR, und dort sitzt man in der ersten Reihe der Business Class tatsächlich in einem deutlich besseren Sitz. Genau dieser Unterschied fehlt bei der Lufthansa Group vollständig.

ITA Airways A321neo Business Class erste Reihe
Sitz 1F in der ITA Airways Business Class

Beworben wird der neue Platz mit der Exklusivität der ersten Reihe und den Vorteilen eines schnellen Ein- und Ausstiegs. Das ist bemerkenswert defensiv formuliert – und es ist auch alles, was sich über diesen Sitz sagen lässt. Denn anders als auf der Langstrecke steckt hinter der neuen Kategorie kein anderes Produkt, sondern ausschließlich eine andere Position in derselben Kabine.

Lufthansa Business Class Kurzstrecke Sitze
Business Class der Lufthansa auf Europaflügen

Und genau hier beginnt das Problem. In der europäischen Business Class der Lufthansa Group gibt es keinen eigenen Business-Class-Sitz. Es ist dieselbe Bestuhlung wie in der Economy Class, nur mit freigehaltenem Mittelplatz und einem Klapptisch, der weiter aufgeht. Zwischen Reihe eins und Reihe drei liegt kein einziger Zentimeter Unterschied – es ist buchstäblich derselbe Sitz.

Wer genauer hinsieht, kann sogar zu dem Schluss kommen, dass die erste Reihe die schlechtere Wahl ist. Vor ihr steht in aller Regel eine Trennwand zur Bordküche oder zur Kabinentür.

Lufthansa Business Class erste Reihe Kurzstrecke
Erste Reihe direkt an der Trennwand

Das bedeutet: kein Vordersitz, unter den man die Füße oder eine Tasche schieben kann, und je nach Bestuhlung sogar spürbar weniger Beinfreiheit als in Reihe zwei. Das Handgepäck muss während Start und Landung komplett ins Fach über dem Kopf. Dazu sitzt man unmittelbar an Galley und Vorhang, wo während des gesamten Fluges Betrieb herrscht – von Privatsphäre kann in der ersten Reihe also weniger die Rede sein als weiter hinten. Der einzige belastbare Vorteil bleibt das schnellere Aussteigen.

Ein Aufpreis auf einen Aufpreis

Die europäische Business Class kostet regelmäßig ein Vielfaches der Economy Class auf derselben Strecke. Bezahlt wird dieser Aufschlag aber nicht für den Sitz, sondern für alles drumherum: den blockierten Mittelplatz, Catering am Platz, Lounge-Zugang, Priority-Abfertigung, Freigepäck, Umbuchbarkeit und Meilen.

Lufthansa Business Class Catering Europa
Business Class Catering auf einem Europaflug

Genau deshalb wirkt eine zusätzliche Sitzplatzgebühr innerhalb dieser Kabine schief. Wer in der Business Class einen Aufpreis für einen bestimmten Sitz zahlt, zahlt ein zweites Mal für etwas, das er beim ersten Mal gar nicht bekommen hat. Auf der Langstrecke ist eine solche Staffelung nachvollziehbar, weil dort tatsächlich unterschiedliche Sitze verbaut sind. In Europa steht dieser Logik schlicht die Kabine im Weg.

Swiss Business Class Sitz Kurzstrecke
Business Class Sitz im Swiss Airbus A220

Die Größenordnung macht es nicht besser. 29 Euro für rund 80 Minuten Flug zwischen Berlin und Zürich sind kein Trinkgeld, und auf längeren Strecken werden bis zu 45 Euro fällig – für einen Platz, den man zwei Reihen weiter hinten in exakt derselben Ausführung ohne jeden Aufpreis bekommt. Bezahlt wird damit kein Produktunterschied, sondern ausschließlich eine Position im Sitzplan.

Hinzu kommt ein Nebeneffekt, der in der Ankündigung nicht auftaucht. Weil die erste Reihe künftig gesondert bepreist ist, verschiebt sich die freie Auswahl für alle anderen Passagiere automatisch nach hinten – im Zweifel direkt an den Vorhang zur Economy Class. Wer nicht zahlt, sitzt also nicht nur nicht vorne, sondern tendenziell an der unruhigsten Stelle einer Kabine, für die er ohnehin schon einen erheblichen Aufschlag bezahlt hat.

Im Markt ist die Lufthansa Group nicht allein – aber auch kein Nachzügler

Am weitesten geht in Europa ohne Zweifel British Airways. In der Club Europe ist die Sitzplatzwahl grundsätzlich kostenpflichtig, und zwar für jede Reihe und nicht nur für die erste. Die Preise beginnen bei rund 14 Pfund pro Strecke und steigen je nach Verbindung deutlich an. Kostenlos wird die Auswahl erst 24 Stunden vor Abflug oder für Kunden mit Status im British Airways Club. Gemessen daran ist die Lufthansa Group mit ihrer Beschränkung auf die erste Reihe sogar zurückhaltend.

British Airways Airbus Kurzstrecke
British Airways Airbus A320 beim Start

Bei Air France und KLM sieht die Sache anders aus, als es der verbreitete Eindruck vermuten lässt. Beide Airlines verlangen seit April 2023 zwar Sitzplatzgebühren in der Business Class, je nach Strecke zwischen 70 und 90 Euro – ausdrücklich aber nur auf der Langstrecke. Die europäische Kurz- und Mittelstrecke ist von der Regelung ausgenommen, dort bleibt die Sitzplatzwahl in der Air France Business Class auf der Kurzstrecke im Ticket enthalten. Wer Flying Blue Status hat, zahlt ohnehin nichts.

Air France Business Class Sitz
Air France verlangt nur auf der Langstrecke

Der Trend zu bepreisten Sitzplätzen in der Business Class ist also real, aber er ist keineswegs so flächendeckend, wie es die Ankündigung aus Frankfurt suggeriert. Die Lufthansa Group orientiert sich mit dem First Row Seat an der restriktiveren Seite des Marktes, nicht an der kundenfreundlichen – und sie tut es in einem Segment, in dem der Sitz das schwächste Argument des gesamten Produkts ist.

Und der Blick auf ITA Airways zeigt, was dabei verloren geht. Von der Schwestergesellschaft übernimmt die Lufthansa Group das Etikett First Row Seat, nicht aber den Grund, der es dort trägt: In den A321LR ist die erste Reihe der Business Class tatsächlich der bessere Platz. Harmonisierung heißt in diesem Fall also, dass die Gebühr wandert und das Produkt zurückbleibt.

Bezahlen wird vor allem die Statusstufe darunter

Dass HON Circle Member und Senatoren ausgenommen sind, klingt großzügig, verschiebt aber nur die Frage. Denn der Frequent Traveller, die unterste Statusstufe bei Miles & More, geht leer aus. Getroffen wird damit ausgerechnet die Gruppe, die viel innerhalb Europas unterwegs ist, den Senator-Status aber noch nicht erreicht hat.

Lufthansa Premium Check in Frankfurt
Lufthansa Premium Check-in in Frankfurt

Aus Sicht der Airline hat das gleich zwei angenehme Effekte. Der Vielfliegerstatus gewinnt an Wert, ohne dass die Lufthansa Group dafür einen Cent investieren müsste – ein neuer Vorteil entsteht schlicht dadurch, dass er anderen weggenommen wird. Und der Rest zahlt vermutlich klaglos, weil ein Großteil der europäischen Business-Class-Tickets von Firmen bezahlt wird. Bei 29 Euro auf einem Ticket, das mehrere Hundert Euro kostet, prüft kaum jemand die Sinnhaftigkeit.

Genau das ist der unangenehme Teil der Rechnung. Eine Gebühr, die niemand ernsthaft hinterfragt, muss sich auch nicht rechtfertigen – und je besser sie funktioniert, desto wahrscheinlicher wird die nächste. Und je kleiner der Betrag, desto weniger muss sich die Gebühr überhaupt an einem Gegenwert messen lassen. Genau daran fehlt es hier.

Allegris zeigt, wohin die Reise geht

Wirklich neu ist der Gedanke nämlich nicht. Seit Dezember 2024 verlangt die Lufthansa Group auch innerhalb ihrer neuen Allegris Business Class Aufpreise, und zwar unabhängig vom gebuchten Tarif: Privacy Seat und Extra Long Bed kosten ab 100 Euro und je nach Zone bis zu 170 Euro, der Extra Space Seat startet bei 130 Euro und reicht bis 230 Euro, und für die Business Class Suite werden zwischen 400 und 600 Euro fällig.

Lufthansa Allegris Business Class Suite
Allegris Business Class Suite in der Kabinenmitte

In dieser Konsequenz steht die Lufthansa Group weltweit ziemlich allein da. Sitzplatzgebühren in der Business Class gibt es auch anderswo, aber keine andere große Airline staffelt ihr eigenes Business-Class-Produkt so weit auf, dass zwischen dem günstigsten und dem besten Sitz derselben Kabine ein dreistelliger Betrag liegt. Ob dieser Aufpreis für die Allegris Suite gerechtfertigt ist, haben wir an anderer Stelle bereits ausführlich diskutiert.

Zum Vergleich: Air France und KLM rufen auf der Langstrecke pauschal 70 bis 90 Euro auf, British Airways startet in der Club World bei rund 62 Pfund. Beide bepreisen damit die Sitzplatzwahl als solche, unabhängig davon, welcher Platz es am Ende wird. Die Lufthansa Group bepreist dagegen die Qualität des Sitzes und verlangt für die beste Variante bis zum Achtfachen dessen, was die Konkurrenz für irgendeinen Platz nimmt.

Lufthansa Allegris First Class Suite Plus
Die Suite Plus ist inzwischen ohne Aufpreis buchbar

Bemerkenswert ist deshalb, was in der neuen First Class passiert ist: Dort hat die Lufthansa die Reservierungsgebühren wieder gestrichen, die Suite Plus lässt sich inzwischen ohne Zusatzkosten wählen. Die Aufpreislogik ist also verhandelbar – sie hält sich dort, wo Kunden sie hinnehmen, und verschwindet dort, wo das Segment sie nicht trägt.

Das eigentliche Problem ist nicht der Betrag

29 Euro tun niemandem weh, und genau deshalb wird die Gebühr vermutlich funktionieren. Interessanter als die Summe ist das Tempo: Zum 1. Juli 2026 hat die Lufthansa Group den Sitzplatzwechsel beim Check-in auf der Langstrecke bepreist, drei Wochen später folgten die neuen Kategorien auf der Kurzstrecke, und beides baut auf den Allegris-Gebühren von Dezember 2024 auf. Drei Schritte in gut anderthalb Jahren, immer nach demselben Muster: Was bisher zum Ticket gehörte, wird einzeln ausgepreist.

Für Passagiere bleibt daraus eine sehr praktische Konsequenz. Die erste Reihe der europäischen Business Class ist keine 29 Euro wert, und in vielen Fällen sitzt man in Reihe zwei schlicht besser – mit mehr Beinfreiheit, einer Ablage vor sich und etwas mehr Ruhe. Wer regelmäßig innerhalb Europas in der Business Class unterwegs ist, für den wird der Senator Status hingegen ein weiteres Stück wertvoller, zumindest sofern man gerne in der ersten Reihe ist. Das dürfte genau die Rechnung sein, die man in Frankfurt aufgemacht hat.

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Autor

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