Rund ein Jahr nach der Umstellung auf dynamische Meilenpreise lässt sich ein erstes echtes Fazit ziehen – und das fällt zwiespältiger aus, als es im ersten Halbjahr noch schien.
Als Miles & More im Juni 2025 für Prämienflüge auf dynamische Preise umgestellt hat, war die Sorge groß: Viele Teilnehmer lösten ihre Meilen vorsorglich ein, aus Angst vor einer massiven Entwertung. Auf den ersten Blick blieb der große Knall aus – doch inzwischen zeigt gerade das Jahr 2026, wozu ein dynamisches System wirklich in der Lage ist. Höchste Zeit also, ein knappes Jahr nach dem Start genauer hinzuschauen, was sich bewährt hat und wo Miles & More inzwischen kräftig an der Preisschraube dreht.
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Bei den attraktivsten Einlösungen hat sich zunächst wenig getan
Eine der größten Sorgen rund um das neue System war, dass gerade die besonders attraktiven Einlösungen an Wert verlieren – allen voran Langstreckenflüge in der Business und First Class, bei denen der Gegenwert pro Meile traditionell am höchsten ist.
Tatsächlich blieben die Meilenwerte für Business Class Einlösungen ab deutschen Flughäfen zunächst überraschend nah am alten System. Neu ist vor allem, dass das konkrete Ziel und die Streckenlänge stärker ins Gewicht fallen: Prämienflüge an die US-Ostküste wurden tendenziell günstiger, an die Westküste dagegen teurer. In der First Class fiel das Bild von Beginn an schlechter aus, da die nötigen Meilenwerte fast durchgehend gestiegen sind – nur bei Abflügen im Ausland sind hier mitunter sogar günstigere Einlösungen möglich.
Im Jahr 2026 hat das dynamische System dann allerdings gezeigt, wozu es gemacht ist. So verteuerten sich die Meilenwerte für Lufthansa Business Class Prämienflüge auf ausgewählten Langstrecken mindestens indirekt durch die Einführung des neuen Basic-Tarifs. Zudem stiegen die Zuschläge, die allerdings auch im alten System schon des Öfteren erhöht worden waren, besonders nach Nordamerika auf ein nie dagewesenes Niveau.
Genau das ist die schleichende, schwer greifbare Verteuerung, vor der wir von Anfang an gewarnt haben: In einem dynamischen System lässt sich die Preisschraube jederzeit ein Stück weiterdrehen, ganz ohne große Ankündigung.
Ein anschauliches Beispiel für die neue Unberechenbarkeit war zudem der Umgang mit dem Flex-Tarif. Zunächst führte Miles & More auf ausgewählten Langstrecken plötzlich hohe Stornogebühren von bis zu 1.500 Euro ein – ausgerechnet im eigentlich flexiblen Flex-Tarif. Nach deutlicher Kritik ruderte das Programm aber zurück: Seit dem 3. Juni 2026 sind Flex-Prämienflüge in der Economy, Premium Economy und Business Class wieder kostenlos stornierbar, lediglich in der First Class bleibt eine – immerhin von 1.500 auf 800 Euro reduzierte – Gebühr.
Die neuen Sweetspots bleiben das stärkste Argument
So sehr die Verteuerungen ärgern: Das neue System hat auch echte Lichtblicke hervorgebracht. Weil sich die Dynamik vor allem über Abflughafen und Ziel ergibt, sind zahlreiche neue Sweetspots entstanden.
Besonders attraktiv sind Prämienflüge innerhalb Europas: In der Economy Class sind Verbindungen ins nahe Ausland teils schon ab rund 2.700 Meilen zu haben, in der Business Class ab etwa 5.900 Meilen – Werte, für die früher pauschal ein Vielfaches fällig war. Selbst auf der Langstrecke tauchen immer wieder Business-Class-Sweetspots ab rund 11.600 Meilen zuzüglich überschaubarer Zuschläge auf. Wer grenznah wohnt und beim Abflughafen flexibel ist, kann die günstigsten Ausgangspunkte gezielt ausnutzen.
Mehrfach habe ich selbst Europaflüge mit Meilen gebucht, weil die Werte schlicht unschlagbar waren – in einzelnen Fällen war ein Business-Class-Prämienflug inklusive Zuschläge günstiger als ein nackter Ryanair-Tarif ohne Handgepäck.
Seit dem 3. März 2026 gilt das dynamische System im Übrigen auch für Discover Airlines und Air Dolomiti: Die klassischen Meilenschnäppchen dieser Airlines sind damit zwar entfallen, dafür ergeben sich neue Optimierungsmöglichkeiten.
Von echter Dynamik keine Spur – dafür ist die Kalendersuche zurück
Ein zentrales Versprechen ist Miles & More bis heute schuldig geblieben: eine echte, nachfragebasierte Dynamik. Eine reisetopia-Auswertung Dutzender Beispielstrecken zeigte schon früh, dass der Preis fast ausschließlich von Strecke, Klasse und Tarif abhängt – nicht aber vom konkreten Reisedatum. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Für eine Verbindung ist zu einem Zeitpunkt genau ein Meilenwert hinterlegt, der sich zwar jederzeit ändern kann, aber eben nicht je nach Reisetag schwankt.
Immerhin an einer Stelle hat Miles & More nachgebessert: Die zwischenzeitlich verschwundene Kalendersuche ist seit Februar 2026 zurück und in die neue Prämienflug-Suche integriert. Sie zeigt Verfügbarkeiten und Meilenwerte über den Monat hinweg an – wenn auch nur cache-basiert, sodass eine im Kalender angezeigte Verfügbarkeit beim Klick ins Detail schon wieder vergriffen sein kann.
Dennoch kann man hier von einer massiven Verbesserung sprechen, die das dynamische System deutlich aufwertet. Dank eben jener Kalendersuche ist es nämlich nun tatsächlich recht simpel möglich, passende Verfügbarkeiten schnell und übersichtlich zu sehen und verschiedene Strecken durchzutesten, ohne viel klicken zu müssen.
Miles & More muss noch manches Versprechen einlösen
Bei den großen Versprechen rund um den Systemstart bleibt die Bilanz durchwachsen. Einen vollwertigen Nachfolger für die beliebten Meilenschnäppchen gibt es bis heute nicht. Die seit Juli 2025 eingeführten Award Flight Favoriten heben zwar günstige Einlösungen hervor, sind aber keine echten Rabattaktionen. Immerhin frischt der Beitritt von ITA Airways das Angebot seit Mai 2026 etwas auf – wobei dieser Lichtblick bislang sehr mager ausfällt: Buchbar sind ausschließlich Kurz- und Mittelstrecken, Langstreckenflüge fehlen bisher komplett.
Schwerer wiegt, dass die Rückkehr einer Prämie mit reduzierten Zuschlägen – Stichwort Flex Plus Prämie – weiter auf sich warten lässt. Gerade auf Nordamerika-Strecken fallen für Hin- und Rückflug mittlerweile teilweise über 1.500 Euro an Zuschlägen an, auf anderen Langstrecken sind es zwar “nur” 600 bis 900 Euro, enorm sind die Zusatzkosten dennoch. Statt zu sinken, sind die Zuschläge zuletzt sogar gestiegen.
Auch bei den Verfügbarkeiten ist von der versprochenen Verbesserung wenig zu spüren. Schlechter geworden sind sie auf den meisten Strecken zwar nicht – besser aber eben auch nicht, und in der First Class bleibt die Suche die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Bei der Senator-Warteliste klagen viele über eine gefühlte Verschlechterung, auch wenn Miles & More auf Anfrage betont, dass es keine systemischen Änderungen gegeben habe.

Fairerweise muss ich einordnen, dass ich zumindest auf einer beliebten Strecke auch im neuen System die Senator Warteliste nutzen konnte, konkret von Johannesburg nach Berlin – und dass zu einem ausgesprochen günstigen Meilenpreis mit ebenfalls moderaten Zuschlägen.
Ein Jahr danach: stark für Optimierer, riskant für alle anderen
Schon vor dem Start haben wir bei reisetopia von Panik abgeraten und dafür plädiert, die Entwicklung in Ruhe zu beobachten. Ein knappes Jahr später bestätigt sich beides: Das System ist kein Totalschaden – aber die größte Sorge, die schleichende Entwertung über dynamische Preise, ist 2026 Realität geworden.
Entsprechend gespalten fällt das Echo in der Szene aus. Während die einen die neue Flexibilität und die Sweetspots feiern, sprechen andere von einer schwachen Kommunikation und sehen Miles & More für statusorientierte Vielflieger inzwischen als klaren Rückschritt; auf einzelnen Schritten sind die Meilenwerte immerhin um bis zu 40 Prozent gestiegen. Eine ergänzende Einordnung liefert auch unsere Kolumne Bleibt Miles & More auch 2026 sehr attraktiv?.
Mein persönliches Fazit nach einem Jahr: Wer bereit ist zu optimieren – flexibel beim Abflughafen, mit einem Auge auf die Europa-Sweetspots und die Award Flight Favoriten – kann weiterhin enormen Gegenwert aus seinen Meilen ziehen. Wer dagegen einfach nur seinen gewohnten Langstreckenflug in der Business oder First Class buchen möchte, zahlt heute oft mehr als früher.
Vor allem aber gilt: Ein dynamisches System gibt Miles & More einen Hebel in die Hand, an dem sich jederzeit und ohne große Ankündigung drehen lässt. Genau deshalb lohnt es sich, das neue Miles & More System auch im weiteren Verlauf des Jahres 2026 sehr genau im Blick zu behalten und Meilen im Idealfall nicht zu lange zu horten. Immerhin können Meilenpreise jederzeit und ohne Ankündigung steigen.



