Vorneweg: Ich bin ein großer Fan von Zugfahrten und habe auch grundlegend keine Abneigung gegenüber der Deutschen Bahn. Doch manche Erlebnisse kann man nur mit Ironie ertragen – etwa den absoluten Bahnsinn auf meiner Fahrt von Berlin zurück nach Hause.

Die neue Schnellfahrstrecke von Berlin nach München macht es möglich, dass ich von meinem “Heimatbahnhof” in Rohrbach (Ilm) nach Berlin beziehungsweise in die andere Richtung im Idealfall in weniger als vier Stunden fahren kann. Klingt komfortabel und schlägt jeden Flug. Ganz so schnell geht es allerdings nicht immer, besonders dann, wenn die Dinge – nun ja – nicht optimal laufen.

Wer wollte denn nicht schon immer mal nach Bitterfeld?

Es hätte so schön sein können. Um kurz vor 17 Uhr habe ich meinen ICE in Richtung München genommen – am Ostersonntag angenehm leer und zudem voll funktionstüchtig in allen Bereichen. Dazu strahlender Sonnenschein, ein neuer ICE 4 mit einem Platz mit Tisch und ohne Person gegenüber und dann auch noch funktionierendes WLAN – ein kleiner Bahntraum. Nun, zumindest bis nach Wittenberg, denn kurz darauf, durften wir uns einer Vollbremsung erfreuen. Um es in den Worten des Kindes gegenüber zu formulieren: “Ich wäre fast vom Klo gefallen”. Nun, leider hat sich die Vermutung des Kindes, “haben wir den Osterhasen überfahren?”, nicht als das wahre Problem erwiesen.

Kaputter ICE

Bei einer Vollbremsung bei 200 Kilometern pro Stunde, war davon auszugehen, dass der Aussage des Zugführers, dass der “Lokführer bemüht ist, den Zug wieder in Gang zu bringen und dies maximal zehn Minuten dauert” nicht allzu viel Glauben zu schenken ist. Völlig überraschend waren irgendwann 40 Minuten vergangen – dann gab es auch ein Ergebnis: Zug kaputt. Mit Magie konnte der Zug aber doch noch weiterfahren, allerdings nur nach Bitterfeld. Aus den angekündigten zehn Minuten wurden 25, aber das war wohl das geringste Problem des Tages. Aber um es in den Worten der Mitreisenden zu formulieren: “Wer wollte denn nicht schon immer mal nach Bitterfeld”?

Mit dem ICE in Richtung München – also Stuttgart

Stets bemüht war schon im ersten Zug allerdings nicht nur der Lokführer, sondern auch das Zugpersonal. Sprachlich geschickt ließ man uns wissen, dass wir mit dem ICE 695 in Richtung München weiterfahren könnte – dieser würde außerplanmäßig ebenfalls in Bitterfeld halten. Also noch mehr Leute, die sich endlich mal eines Besuchs in Bitterfeld erfreuen konnten! Nun, wer aber den DB Navigator bedienen kann, dem ist schnell aufgefallen, dass “Richtung München” eben nicht heißt “nach München”, denn der ICE 695 hatte mit Stuttgart doch eine leicht abweichende Destination. Am Bahngleis haben auch die Mitreisenden ohne Smartphone das registriert.

Bitterfeld Hauptbahnhof

Im Bereich der Informationspolitik hatten auch die Kollegen in Bitterfeld Humor, denn insgesamt sechs Ansagen hatten immer wieder denselben Inhalt: Fahrgäste mit direktem Ziel Erfurt sollten einen anderen ICE nehmen, alle anderen Fahrgäste (dieses Mal ohne Richtungsangabe) den ICE 695 – also auf nach Stuttgart! Im Zug selbst hat man scheinbar realisiert, dass Stuttgart und München zwar beide im Süden liegen, aber wohl doch nicht dieselbe Stadt sind. Die Lösung? Ein Umstieg in Leipzig, also knapp 15 Minuten nach Bitterfeld. Umstiegszeit: 55 Minuten. Immerhin muss man sagen, dass das Timing gestimmt hat, denn die DB Lounge hatte noch offen und war ein echter Ruhepool, besonders verglichen mit dem was folgen sollte!

Nächster Zug oder eben nächster Polizeieinsatz

Manch einer mag sich daran erinnern, dass ich zwei ICEs vorher von einem “angenehm leeren” Zug gesprochen habe. Nun ein ICE 4 mit 13 Wagen, darunter 3 1/2 für die erste Klasse, scheint etwas mehr Kapazität zu haben als ein ICE 3 mit 7 Wagen, darunter lediglich 1 1/2 für die erste Klasse. Ein Problem wenn dann beide Züge auf den kleineren zusammengelegt werden? Bestimmt nicht! Nun, für den ICE 1605 – den dritten Zug des Tages – entschied ich mich in weiser Voraussicht des anstehenden Bahnsinns für eine Last-Minute-Reservierung über das bahn.comfort-Team (an dieser Stelle das große Lob, dass das selbst am Ostersonntag problemlos über die Hotline möglich war).

ICE 3 Nach München

Im Zug angekommen war es in Wagen 28, nun, kuschelig. In wirklich jeder Hinsicht unangenehm war es im sowieso schon vollen Zug darum zu bitten, den reservierten Sitzplatz freizugeben. Immerhin stieß ich auf verständnisvolle Mitreisende, so viel Verständnis wie bei Stehplatz vs. Sitzplatz bei drei Stunden Fahrt eben möglich ist. Mitleidig, auch mit den anderen stehenden Gästen, haben ich meinen Sitzplatz für die nächsten Stunden “genossen” – Service oder ein Gang zur Toilette waren nicht drin, aber im Vergleich zu dem Schicksal der anderen Gäste war das sicherlich noch eine angenehme Situation.

Reserviert Für Bahn.comfort

Stichwort angenehm: In Leipzig sollte es so schnell dann doch nicht losgehen. Wegen Überfüllung wurden Fahrgäste zum Ausstieg gebeten. Nun ja, gebeten unter Androhung eines Polizeieinsatzes. Scheinbar hat das aber Wirkung gezeigt, denn nach knapp einer halben Stunde sind wir losgerollt in Richtung München. Zu diesem Zeitpunkt war für mich natürlich schon klar: Auch der alternative Anschluss von Nürnberg nach Ingolstadt wird nicht auf mich warten. Gut, ein weiterer ICE sollte noch einmal 30 Minuten später fahren – es hätte schlimmer kommen können.

Leipzig Hauptbahnhof

Doch in puncto Ironie des Schicksals waren wir an diesem Tag noch lange nicht fertig. Nach einem langen Tag hatten alle im Wagen noch genug Humor, um beim unangekündigten Stop in Bamberg zum Fahrerwechsel genauso wenig wie bei der komplett von rauschen übertünchten Durchsage zu den Anschlüssen nicht in Tränen, sondern in schallendes Lachen aufzubrechen. Ich muss sagen: Eine erstaunlich gute Stimmung nach einem wahnsinnigen Tag. Für Fahrgäste nach Nürnberg ging dieser damit auch zu Ende – für mich standen allerdings noch zwei Etappen an.

Verspätetes Zugpersonal und attraktives Umsteigen am Ostersonntag

Wenn man an diesem Bahnsinn-Tag eines nicht verlieren sollte, war das der Humor. Nach einer netten Verabschiedung von den Mitreisenden – so intensiv kommt man in einem ICE sonst selten ins Gespräch – stand der vierte ICE des Tages schon fast am Gleis gegenüber. Wie der erste und zweite ein ICE 4 – mehr als 60 Minuten am Stück hatte ich mit diesem Modell heute noch nicht geschafft. Zum Glück standen für die Strecke nach Ingolstadt lediglich 30 Minuten an, sodass ich ein gewisses Vertrauen in die Technik von Siemens setzen konnte. Nun, die Technik sollte auch nicht das Problem werden, denn in Nürnberg fehlte erst einmal das Zugpersonal, um diese überhaupt zu betreiben.

ICE 4 Innenausstattung

Mit mir umgestiegene Fluggäste, die ebenfalls denselben Bahnsinn mitgemacht hatten, konnten das auch nur mit Humor nehmen. Immerhin aber ging es nach 15 Minuten Verspätung tatsächlich weiter und nach einem Aufenthalt von knapp 30 Minuten am späten Abend in Ingolstadt ging es für mich dann tatsächlich mit dem Regionalexpress dorthin, wo ich eigentlich schon drei Stunden früher gewesen wäre. Ein Ostersonntag, den ich so schnell nicht vergessen werden.

Fazit zum absoluten Bahnsinn am Ostersonntag

Die Tortour einer Heimreise ist aus meiner Perspektive erzählt zwar sicherlich witzig, aber dennoch ging es im Vergleich zu anderen Fahrgästen sicherlich noch gut. Ich hatte nicht nur einen Fahrschein für die erste Klasse, sondern konnte durch den bahn.comfort-Status auch noch in Leipzig den Umstieg in der Lounge verbringen und zudem noch eine Last-Minute-Sitzplatzreservierung machen. All das ist wirklich wertvoll und hat den Tag zumindest für mich ertragbar gemacht. Dennoch muss ich vor allen Dingen eines sagen: Bei all dem Chaos und den Problemen haben die Mitreisenden allesamt ihren Humor behalten und hatten – soweit man das in dieser Situation sagen kann – fast schon einen netten (und langen) Tag zusammen. Irgendetwas Positives hat auch ein solcher Tag, denn wann spricht man sonst schon so viel mit seinen Mitreisenden?

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Autor

Moritz fliegt durchschnittlich an jedem dritten Tag und verbringt noch mehr Nächte in Hotels. Auf der Suche nach neuen Erlebnissen hat Moritz schon dutzende Airlines getestet und mehr als 100 Städte erkundet. Auf reisetopia lässt er Euch an seinen Erlebnissen & Tipps teilhaben!

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  • Ich denke mal, dass der Zug über Wittenberg fahren sollte und nicht Wittenberge. Das macht schon einen entscheidenden Unterschied, da wir sonst von der Hamburg-Berlin ICE Strecke reden. 😉

  • Der ICE 4 ist der schlimmste ICE, den es gibt. Viel zu harte unbequeme Sitze und die Sitzplatzanzeigen nicht mehr auf Augen-, sondern auf Hüfthöhe. Dazu hat man die Beinfreiheit gegenüber den älteren Modellen reduziert.

    • Nicht zu vergessen die völlig schwachsinnig angebrachten Steckdosen an den Sitzen. Schon mal versucht, ein Netzteil mit seitlichem Steckerauslass zu benutzen? Und wer versucht sich auf der Toilette nicht nur die Hände sondern auch das Gesicht zu waschen hat einen Heidenspaß. Wegen des völlig dämlich angebrachten Spiegels. Ich habe nach meiner ersten Fahrt im ICE4 (bin leider auch Vielfahrer auf der Strecke Berlin-Leipzig) mal bei der Bahn angefragt, wer diese absoluten Fehlkonstruktionen ( die oben genannten unbequemen Sitze natürlich an erster Stelle) bestellt, auf die Fahrgäste losgelassen, aber bestimmt nie selbst probiert hat. Antwort: der ICE vier sei ein modernes Verkehrsmittel, das besonders hohen Komfort biete. Wenn es nicht so traurig wäre könnte man darüber lachen.

      • Interessant, diese Sachen waren mir noch gar nicht bewusst, da ich bisher drumherum gekommen bin, mit dem Zug zu fahren. Ok, man könnte sagen, dann könnte ich ihn nicht bewerten, allerdings sind im ICE 3 nach und nach die selben Sitze und Gepäckablagen eingebaut worden und die fande ich bei meinen Fahrten mit diesem Zugtyp echt wenig überzeugend gegenüber der Einrichtung der anderen ICEs.

        Das einzige, was mir immer im Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe als Vorteil der neuen (“modernen”) ICE 4 auffällt. Wie leise diese beschleunigen und bremsen, ist ein echter Fortschritt.

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