Bis die Corona-Pandemie die Welt mit voller Wucht traf und die bis dahin existierenden Probleme und Debatten für lange Zeit vom Radar der Öffentlichkeit hat verschwinden lassen, war Nachhaltigkeit wohl einer dieser Begriffe, der in aller Munde war.

Wir bei reisetopia versuchen seit einiger Zeit einen Weg zu finden, wie wir die Liebe zum Reisen ausleben können, aber gleichzeitig dazu beitragen, dass die negativen Auswirkungen auf Umwelt, Menschen und manchmal sogar die Wirtschaft minimiert werden können. Gerade den Umweltaspekt der Nachhaltigkeit haben wir in den letzten Wochen stärker in den Fokus gesetzt, da wir seit Mitte November Mitglied bei aireg – dem Kompetenzzentrum für regenerative Flugkraftstoffe in Deutschland sind – und uns dabei aktiv an der Förderung einer nachhaltigeren Luftfahrt beteiligen. Doch dieser Aspekt ist nur einer von wenigen, wenn es um nachhaltigeres Reisen geht, dennoch wird die Umwelt beziehungsweise das Fliegen immer als “Totschlagargument” in jeglicher Debatte verwendet. Aus diesem Grund möchten wir hier in diesem Artikel weiter ins Detail gehen, die Thematik noch aus anderen Blickwinkeln betrachten und das allgemeine Verständnis des nachhaltigen Tourismus infrage stellen.

Was die Vereinten Nationen über die Nachhaltigkeit sagen

Viele Menschen reagieren mit einem Augenrollen, wenn das Thema nun wieder versucht in das Zentrum der Aufmerksamkeit zu gelangen, denn häufig kommt es mit den Assoziationen Verzicht, Verbot oder generellen Vorwürfen daher. Auch in der Reisewelt hat es längst Einzug erhalten und hier fragt sich sicherlich auch der ein oder andere, warum das ganze nun auch noch vom Alltag in die Ferien transferiert werden musste. An dieser Stelle sei gesagt: Es ist wichtig – soll aber nicht gleichzusetzen mit eben diesen negativen Attributen sein. Zunächst ist es daher sinnvoll einmal zu schauen, was Nachhaltigkeit oder nachhaltiger Tourismus überhaupt bedeutet.

Wenn es um omnipräsente und globale Themen wie die Nachhaltigkeit geht, ist es ratsam als Ausgangspunkt die Einschätzungen großer Organisationen zurate zu ziehen. Eine, die sich viel zum Thema Nachhaltigkeit – und auch zum nachhaltigen Tourismus äußert – sind die Vereinten Nationen beziehungsweise die Welttourismusorganisation.

Strand Nachhaltigkeit

Vielleicht haben einige schon einmal von den “Sustainable Development Goals” der Vereinten Nationen gehört. Die darin festgelegten 17 Ziele sind Teil der Agenda 2030 und sollen die weltweite Entwicklung auf ökonomischer, ökologischer sowie sozialer Ebene sichern. Einige von diesen Zielen haben als Unterkategorien Tourismus-spezifische Teilziele, was zeigt, welche Bedeutung auch der Tourismus in der Erreichung dieser Ziele spielt. Die Welttourismusorganisation hat sich dieser Verantwortung angenommen und für den nachhaltigen Tourismus erklärt, dass er “seine gegenwärtigen und zukünftigen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Auswirkungen in vollem Umfang zu berücksichtigen und dabei den Bedürfnissen der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Gastgebergemeinschaften Rechnung zu tragen” solle.

Idealbild Nachhaltigkeit: So etwas schafft wohl keiner von uns

Was denkt man, wenn man das hört? Als Reisender fragt man sich, ob man selbst in der Lage ist, sämtliche Punkte unter einen Hut zu bekommen und auch uns, als einem im Reisebereich tätigen Unternehmen, geht es nicht anders. Setzen wir uns etwa – wie an anderer Stelle schon berichtet – für die Entwicklung nachhaltiger Flugkraftstoffe ein, können wir bei weitem keine Rückschlüsse darauf ziehen, wie es den Gastgebergemeinschaften ergeht, in die wir selbst oder unsere Leser und Kunden reisen. Berichten wir mehr über vereinzelte Hotels, die hohe Nachhaltigkeits-Standards einhalten, ist nicht sicher, inwiefern das die wirtschaftlichen Aspekte an anderer Stelle beeinflusst. Viele Reisende und Unternehmen stellt das vor eine Situation, in der sie lieber den Weg des Rückzugs wählen, weil es ja sowieso wie eine nicht zu bewältigende Aufgabe klingt.

Nachhaltiges Reisen Berge Wandern

Gerne kommt in diesem Zusammenhang auch der neumodische Begriff des “Whataboutism” ins Spiel. Was zunächst nach einem weiteren Anglizismus klingt, der langsam seinen Weg in den Sprachgebrauch findet, beschreibt ein Konzept, dem man insbesondere in Bezug auf Nachhaltigkeitsthemen immer wieder ausgesetzt ist: Tut man an einer Stelle etwas “Gutes” oder übt Kritik an der gängigen Praxis aus, kommt von anderer Seite sofort die Rückfrage “Aber was ist denn damit? Du machst ja aber auch XYZ…”

Um es noch einmal an einem anschaulichen Beispiel zu verdeutlichen: “Ich habe darauf geachtet, auf meiner Reise kein Einwegplastik zu verwenden und immer meine wiederverwendbare Trinkflasche genutzt”. Gesprächspartner: “Aber du bist doch geflogen, damit schadest du der Umwelt”. Ja – damit hat Person B kein Unrecht, allerdings degradiert sie in ebendiesem Moment die Bemühungen von Person A und ihre guten Absichten – Fliegen hin oder her. Das beschreibt auch in einfachen Worten das Hauptproblem an der Debatte. Es wird verlangt oder davon ausgegangen, dass sobald man sich für nachhaltige Entwicklungen einsetzt, sofort alles perfekt sein muss. Dass man sämtliche Auswirkungen zu berücksichtigen hat und sowieso nur befähigt ist über diese Themen zu sprechen, wenn man in ganzer Linie kongruent mit den Anforderungen ist. Meiner Meinung nach ist das das Grundproblem, mit dem wir uns im nachhaltigen Tourismus und in der Nachhaltigkeitsdebatte im Allgemeinen herumschlagen und weshalb das Konzept von vielen Seiten so negativ aufgenommen wird.

“Es gibt keinen nachhaltigen Tourismus”

Ich habe in der Vergangenheit mit einigen Reiseveranstaltern sprechen können, die sich dem Thema tiefergehend gewidmet haben und dabei interessante Ansätze mitbekommen, die ich nicht ungeteilt lassen möchte.

Nachhaltigen Tourismus wird es in gewisser Weise nie geben, weil Reisen immer Auswirkungen haben wird“, erzählte mir dabei eine Mitarbeiterin eines mexikanischen Reiseunternehmens, das sich der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Wie? Das hat mich stutzig gemacht, aber auch weiteres Interesse geweckt, denn wenn so etwas von einem Unternehmen kommt, das sein gesamtes Geschäftsmodell auf den Werten der sozialen, ökologischen und ökonomischen Nachhaltigkeit aufbaut, muss da ja etwas dran sein. Für Unternehmen wie diese geht es nicht darum, die Zukunft des nachhaltigen Tourismus zu gestalten, sondern sich in vielfältiger Weise für die globale Nachhaltigkeit einzusetzen, indem der Tourismus als Instrument zur Erreichung dieses Ziels genutzt wird. Dies lenkt den Blick von dem utopischen Ziel der Nachhaltigkeit hin zu einem prozessorientierten Denken, indem jeder Schritt in die richtige Richtung wichtig ist.

Und diese Aussage, dass es eigentlich gar keinen vollständig nachhaltigen Tourismus geben kann – kann tatsächlich die Grundlage für eine Neukonzeption des Verständnisses von nachhaltigem Tourismus sein. Es muss ein Paradigmenwechsel vom Erreichen eines utopischen Ziels hin zu Geschäftspraktiken, die tatsächlich positive Auswirkungen haben, stattfinden. Besonders wichtig ist hierbei auch, Nachhaltigkeit nicht mit Umweltschutz gleichzusetzen, denn es ist ebenso wichtig, die anderen Ebenen mit einzubeziehen.

Tourismus als Teil des Prozesses: Was jede/r von uns tun kann

Die Neukonzeptualisierung des Begriffes Nachhaltigkeit oder nachhaltiger Tourismus bringt einen wieder aus der passiven Position, in der man sich fühlt, als könne man nicht tun, heraus. Und so eröffnen sich wieder neue Handlungsspielräume. Für den Bereich Umweltschutz haben wir Euch zu einem früheren Zeitpunkt bereits einen Guide zusammengestellt, in dem wir 10 Tipps vorstellen, mit denen man die Umweltbelastung von Reisen minimieren kann. Dazu zählt unter anderem die Reduktion vom, eigenen Reisegepäck, der Energie- und Wasserverbrauch sowie das Mitführen von Wiederverwertbarem. Ebenso sollte man auf seinen Reisen darauf achten, die lokalen Angebote wahrzunehmen. Gerade an Destinationen, die für ihren “Massentourismus” bekannt sind, haben es kleinere Anbieter oft schwer. Da bietet es sich an, eine Tour mit einem lokalen Guide statt über den großen Reiseveranstalter zu buchen. Vermutlich spart man dabei sogar noch Geld, hat ein authentischeres Erlebnis und unterstützt die Menschen vor Ort, sodass nicht die gesamten touristischen Einnahmen an Konzerne im Ausland abfließen und die Destination und ihre Einwohner nicht davon profitieren. Gleiches gilt natürlich auch für Restaurants, Cafés, Souvenirläden etc.

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Auch ergibt es Sinn vor der Buchung einer Reise die Sozialstandards des Anbieters oder des Hotels zu checken. Es gibt immer wieder schwarze Schafe unter ihnen, die den Angestellten Hungerlöhne zahlen und der Gewinn in die reichen Industrieländer fließt. Genauso gibt es aber auch viele tolle Unternehmer, die Vorreiter in Sachen soziale Gerechtigkeit und faire Löhne sind. Hier wollen wir in Zukunft auch noch stärker in die Recherche eintauchen und Euch Best-Practice Hotels vorstellen.

Sicher ist, dass der Tourismus – trotz viel Kritik insbesondere auf der Umweltebene – für viele Orte der Hauptwirtschaftszweig ist und zum Prosperieren vieler Regionen beigetragen hat. Daher sind Forderungen das Reisen auf ein Minimum zu begrenzen auch nicht komplett zu Ende gedacht – hier würde vielleicht die Umwelt profitieren, aber sozial und wirtschaftlich würden die Auswirkungen verheerend sein. Daher ist es wichtig, an den Stellschrauben, die es gibt zu handeln. Wir hoffen, dass sich insbesondere das Fliegen in der Zukunft klimafreundlicher Gestalten lässt – zunächst durch Sustainable Aviation Fuels und später vielleicht sogar durch Wasserstoff- oder Elektroflugzeuge. Ohne den Druck auch von Unternehmen und Kunden, die zu touristischen Zwecken fliegen, würde sich sicherlich deutlich weniger ändern, was wiederum zeigt, welche Rolle der Tourismus in diesem Nachhaltigkeitsprozess wieder einnimmt. Alles, was auf dem Weg dorthin erreicht wird, sollte als Erfolg angesehen werden und nicht als Mangel der Vollkommenheit.

Fazit zum Diskurs über das Konzept des nachhaltigen Tourismus

Nachhaltiges Reisen ist wichtig – darf aber nicht so interpretiert werden, dass fortan jeder nur noch barfuß wandern gehen darf und ferne Destinationen Naturdokumentationen und Filmen überlassen bleiben. In der gesamten Debatte ist es wichtig das große Ganze zu sehen und damit die Wichtigkeit des Tourismus zur Erreichung globaler Nachhaltigkeitsziele zu würdigen. Ich finde daher, dass ein Umdenken in diesem Diskurs stattfinden muss, kleine Schritte begrüßt werden sollten und das komplette Verschließen gegenüber der Thematik ein Ende finden muss. Nur so kann der Tourismus seiner Rolle in der Erreichung der Sustainable Development Goals wahrnehmen und langfristige Prosperität auf der Welt gewährleistet werden.

Häufig gestellte Fragen zum nachhaltigen Tourismus

Was ist nachhaltiger Tourismus?   +

Nach Angaben der Welttourismusorganisation (UNWTO) lautet die begriffliche Definition von nachhaltigem Tourismus wie folgt: “Nachhaltiger Tourismus ist Tourismus, der seine gegenwärtigen und zukünftigen ökonomischen, sozialen und ökologischen Auswirkungen vollumfänglich berücksichtigt und die Bedürfnisse der Besucher, der Industrie, der Umwelt und der Einheimischen integriert.”

Wie kann man den Anforderungen an die Nachhaltigkeit gerecht werden?   +

Die Definition der UNWTO ist sehr generisch und zeugt das Bild eines utopischen Ziels. Für kleine Unternehmen und Einzelpersonen scheinen die Anforderungen unerreichbar. Es sollte daher hinterfragt werden, inwiefern nach diesem Ideal des nachhaltigen Tourismus gestrebt werden sollte oder ob der Tourismus nicht viel eher eine Rolle in der globalen Nachhaltigkeitsdebatte einnehmen sollte und der Fokus dabei auf den Maßnahmen liegt, mit denen der Tourismus globale Probleme bewältigen kann.

Wieso ist es überhaupt wichtig auf nachhaltiges Reisen zu achten?   +

Bei jeder Reise ist man Gast auf einem anderen Teil der Welt. Hier gilt es, den Gastgebern respektvoll gegenüberzutreten und dafür zu sorgen, dass der Einfluss der Reise auf die Destination positiv ist. Nur so kann es langfristig erreicht werden, dass sich Destinationen sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltig entwickeln.

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Autorin

Wenn Anna unterwegs ist, ist sie in ihrem Element. Selten ist sie mehr als ein paar Tage am selben Ort. Der nächste Kurztrip oder eine Fernreise stehen immer schon in ihrem Kalender. Nach ihrem Tourismus-Studium konnte sie ihre Leidenschaft zum Beruf machen und teilt auf reisetopia.ch ihre Erfahrungen, Tipps und News aus der Reisewelt mit euch.

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