Der Chaos-Sommer schien längst überstanden und der Winter sollte wieder deutlich reibungsloser laufen. Dabei hat die Luftfahrt sowie die Deutsche Bahn aber nicht das Wetter und die Personalengpässe in die Gleichung aufgenommen.

Eigentlich wollte ich mich in diesen Tagen mit möglichen Personalengpässen auf der Schiene und im ÖPNV beschäftigen. Hinzukommt aber auch das erneute Chaos an deutschen Airports. Lange Wartezeiten an den Sicherheitskontrollen, dazu Verspätungen und Ausfälle. Die Gründe liegen auf der Hand: die aktuelle Wetterlage und Personalengpässe. Eine gefährliche Kombination, die für einen selten so unsicheren Flugbetrieb wie in aktuellen Zeiten sorgt. Wir teilen unsere jüngsten Erfahrungen und haben bei der Lufthansa sowie am Frankfurter Flughafen nachgefragt. Die Rückmeldungen fallen eher enttäuschend aus.

Folgt auf den Chaos-Sommer der Chaos-Winter?

Die Bilanz des Chaos-Sommers fällt ernüchternd aus. Zwischen Juni und August hatte jeder dritte Flug innerhalb von Europa Verspätung oder wurde annulliert. Vor allem Reisende in Deutschland waren vom Chaos betroffen. Aber auch die Insel schien mit dem Chaos überfordert. Viele Flugplananpassungen und Kapazitätsobergrenzen später steht der Winter bereits nicht mehr nur noch vor der Tür, sondern ist mit tiefen Temperaturen, Schnee und Eis längst angekommen. Und eigentlich sollte damit wieder alles besser sein. Die Lufthansa kündigte eine Personaloffensive an und schafft 20.000 neue Arbeitsstellen. Davon ist auch an jeder Ecke des Frankfurter Flughafens zu lesen.

Nahezu alle Unternehmen unserer Branche rekrutieren derzeit neue Kolleginnen und Kollegen, allein in Europa sind mehrere Tausend Neueinstellungen geplant. Dieser Kapazitätsaufbau wird sich allerdings erst im kommenden Winter stabilisierend auswirken können. 

In der Zwischenzeit ist viel Zeit vergangen. Im Winter sollte eigentlich die Lage wieder längst stabiler sein, so das Versprechen der Lufthansa im vergangenen Sommer. Doch die Pläne der Bundesregierung, Arbeiter aus der Türkei für die Flughäfen zu rekrutieren, musste wieder revidiert werden. Darüber hinaus wurde der Winterflugplan bereits frühzeitig angepasst, um einen stabilen Winterflugplan den Passagieren garantieren zu können. Und dennoch machen die ersten Schneeflocken und die aktuelle Krankenlage diesen Gedanken einen Strich durch die Rechnung.

“Regelmäßiges Zuspätkommen ist auch eine Art von Zuverlässigkeit”

In der vergangenen Woche war es dann so weit. Der Winter schlug erstmals mit tiefen Temperaturen und Schneefall zu. Am Flughafen Frankfurt mussten viele Flüge annulliert werden. Die übrigen Flüge kamen mit Verspätung an oder mussten Frankfurt mit Verspätung verlassen. Die Abläufe an den Flughäfen sind dann ganz einfach: Die Pisten und Rollwege räumen, Flugzeuge enteisen, den An- und Abflug etwas entzerren. Die Auswirkungen des Wintereinbruchs waren infolgedessen aber auch bis zum Ende der Woche zu spüren. Meine Kollegin Lena und ich selbst, wir konnten diese Auswirkungen auf unseren jeweiligen Reisen selbst erleben.

Für mich sollte es am Freitag eigentlich um 11:45 Uhr von Berlin nach Frankfurt gehen. Um 3 Uhr nachts erhielt ich die Information, dass der Flug annulliert wurde. Wenig später erhielt ich schon proaktiv eine Flugumbuchung auf den Flug um 14:45 Uhr. Der Flughafen Berlin Brandenburg war zur Mittagszeit voll. Die herkömmlichen Sicherheitskontrollen zeigten Wartezeiten von bis zu einer Stunde an. Ich buchte mir zum Glück bereits vorab einen Slot bei der BER Runway. Alternativ hätte man auch die Sicherheitskontrolle im Terminal 2 mit maximal 15 Minuten nutzen können, was definitiv auch empfehlenswert ist, wenn man einen Flug mit der Lufthansa Group gebucht hat.

Die Sicherheitskontrolle konnte ich schnell passieren. Danach ging es für mich in die Tegel Lounge, welche aktuell ja die Ersatz-Lounge für die eigene Business Lounge ist – hier wird aktuell renoviert und erweitert. Die deutlich kleinere Tegel Lounge war komplett überfüllt. Also ging es für mich weiter ans Gate. Der Flug sollte sich um etwas mehr als eine Stunde verspäten. Neue geplante Abflugzeit: 16 Uhr. Das Boarding begann dann “pünktlich” um 15:30, sodass das Boarding theoretisch auch schon vor 16 Uhr abgeschlossen war. Nach 16 Uhr erschienen aber erst die Loader für das Gepäck, noch später dann erst der Ramp Agent. Um 16:45 ging es dann endlich nach Frankfurt.

Weil ich ein gutes Vorbild sein wollte, gab ich in Berlin am Gate noch mein Handgepäck ab, um für mehr Platz in den Gepäckfächern zu sorgen. In Frankfurt angekommen, musste ich knapp 2,5 Stunden auf meinen Koffer warten. Ansprechpartner Fehlanzeige: Die Gepäckermittlung der Lufthansa war bereits geschlossen. Die Mitarbeiter an den Service-Schaltern auf der Abflug-Ebene konnten und wollten mir nicht weiterhelfen. Also ging es nochmal zurück zur Gepäckausgabe und hatte das Glück, dass der Koffer doch noch kam und ich so nicht nur mit viel Zeit und Stress ersparen konnte, sondern auch den Mitarbeitenden der Lufthansa.

Ein sehr ähnliches Schicksal konnte Lena auf ihrem Heimflug am gestrigen Sonntag erleben. Ihr Anschlussflug von Frankfurt nach Berlin wurde annulliert. Der Alternativflug hatte über zwei Stunden Verspätung: Die Gründe waren auch hier dieselben: Keine Ground-Crew, De-Icing vor dem Start und Slot verpasst. Ein Crew-Mitglied auf Lenas Flug sagte noch scherzhaft:

Regelmäßiges Zuspätkommen ist auch eine Art von Zuverlässigkeit.

Ich hatte am Sonntag deutlich mehr Glück. Meine geplanten Flüge zurück nach Berlin gingen mehr oder weniger pünktlich. Lediglich die Sicherheitskontrolle in Frankfurt nahm über 1,5 Stunden in Anspruch, und das in der Fast Lane. Das entsprechende Ticket oder ein Status ist in diesem Fall nichts mehr wert. Auch Lena musste übrigens genauso viel Zeit an der Sicherheitskontrolle verbringen.

Lufthansa will schweigen

Der Grund auch in diesem Winter für solche Situation liegt wieder auf der Hand: Personalengpässe. Doch anders als im Sommer fällt dieser Grund deutlich vielschichtiger aus. So fehlt es nicht nur grundsätzlich an Personal, sondern auch das vorhandene Personal fällt in überdurchschnittlichen Teilen aus. Das hätte man durchaus vorhersehen können. Denn mit dem Wegfall der Maskenpflicht steigt das Infektionsrisiko, besonders in den Wintermonaten. Dabei spielt das Corona-Virus keine so tragende Rolle mehr. Vielmehr sind es die klassischen Erkältungs- und Grippeviren, die ihr Übriges dazu tun. Dementsprechend ist keine kurzfristige Entspannung der Situation zu erwarten. Der Flughafen Frankfurt ist sich dieser Situation bewusst.

Gemeinsam mit allen Partnern am Standort sind wir in engem Austausch und haben eine Vielzahl an Maßnahmen umgesetzt. Zuoberst liegt unser Fokus auf dem Thema Neueinstellungen. In diesem Jahr haben wir rund 1.800 neue Personen für die Flugzeug- und Gepäckabfertigung rekrutiert, für das erwartete Wachstum 2023 rekrutieren wir weiter. Aktuell liegt der Fokus auf der Qualifizierung und Weiterbildung, insbesondere mit Blick auf die höher qualifizierten Tätigkeiten wie Spezialgerätefahrer oder Lademeister.

Statement einer Pressesprecherin der Fraport AG gegenüber reisetopia

Am Flughafen Frankfurt fällt aktuell circa 20 Prozent der Belegschaft krankheitsbedingt aus. Das führt dazu, dass das Gepäck nicht rechtzeitig verladen werden kann oder beim Schleppdienst niemand das Telefon abnimmt, wie Lena und ich am Wochenende selbst mitbekommen durften. Auch der Flughafen Frankfurt hat in diesem Jahr eine Personaloffensive mit knapp 2.000 neuen Angestellten gestartet. Diese Offensive kann die aktuelle Situation offensichtlich aber nicht ausgleichen, auch ohne Krankenstand nicht. Denn wie die Pressesprecherin der Fraport AG im Statement erahnen lässt, geht es auch um die entsprechende Qualifizierung der Angestellten.

Und auch die Bestrebungen der Lufthansa, 20.000 neue Personen anzustellen, ist utopisch, zumindest, wenn die Auswirkungen dessen bereits für diesen Winter erwartet wurden. Darüber hinaus scheint die Lufthansa zur aktuellen Situation aber kein Statement abgeben zu wollen

Bitte wenden Sie sich mit Ihrer Anfrage zu den Flugausfällen bitte an die Flughäfen in München und Frankfurt.

Statement einer Pressesprecherin der Lufthansa gegenüber reisetopia

Die Lufthansa sieht die Schuld nicht bei sich und verweist bei eigenen Flugausfällen an die Flughäfen Frankfurt und München. Man könnte erahnen, dass in diesem Statement die Schuld an die beiden Hauptdrehkreuze des Kranichs abgewiesen wird. Schließlich liegen die Personalengpässe beim Ground-Handling sowie beim De-Icing ja nicht in der Verantwortung der Lufthansa selbst. Tatsächlich höre ich aber aus internen Quellen beim fliegenden Personal auch hier aktuell vermehrt das Wort Personalengpässe, vor allem auch aufgrund von Krankheit. Auch diese Fragen haben wir der Lufthansa gestellt, aber keine Reaktion erhalten.

Fazit zum Winter-Chaos

Auf den Chaos-Sommer folgt der Chaos-Winter. Kurzfristige Personaleinstellungen konnten dies offensichtlich nicht verhindern. Und auf den Winter mit tiefen Temperaturen und einem erhöhten Infektionsrisiko konnte man sich scheinbar auch nicht einrichten. Sicherlich ist nicht vorhersehbar, wie viel Personal wann ausfällt. Tatsächlich scheint die aktuelle Situation mit noch mehr unvorhersehbaren Elementen noch schwieriger einzuschätzen zu sein. Doch dementsprechend hätte man leere Versprechungen im vergangenen Sommer lieber sein lassen sollen. Zudem brauchen Passagiere, vor allem in den aktuellen Weihnachts- und baldigen Winterferien mehr Planungssicherheit. Das Wetter selbst kann keine Ausrede für tagelange Flugannullierungen sein. Hier muss gegengesteuert und für tatsächliche Zuverlässigkeit gesorgt werden.

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Autor

Alexander Fink ist als Content Editor seit Januar 2021 für reisetopia tätig. Zuvor war er als Account Manager in der Industrie beruflich unterwegs und schrieb von seinen Reiseerfahrungen im eigenen Blog. Heute ist er Euer Ansprechpartner für alle Airline- und Kreditkartenthemen.

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