Die Lufthansa gehört zu den größten und ältesten Fluggesellschaften weltweit. Doch wird sie ihrem Premium-Anspruch noch gerecht? Dieser Frage wollen wir uns mit Euch in der neusten pro/contra-Ausgabe stellen!

In unserer pro/contra-Serie diskutieren zwei unserer Autoren im Artikel-Format über ein bestimmtes Thema. Die Themen reichen von aktuellen bis hin zu allgemeinen, wichtigen, oder einfach interessanten Themen, die uns – und hoffentlich auch Euch – derzeit bewegen. Jeder Autor übernimmt dabei entweder den Pro- oder den Contra-Part, je nachdem, welche Seite, beziehungsweise welche Meinung vertreten wird. In dieser Ausgabe von pro/contra beschäftigen sich Alex und Tobi mit der Frage, ob die Lufthansa noch immer eine Fünf-Sterne-Fluggesellschaft ist. Falls ja – warum ist die Kritik immer noch so groß? Wenn nein – welche Schritte sind noch zu bewältigen? Dabei wird Alex den Pro- und Tobi den Contra-Part übernehmen und entsprechend der Meinungen versuchen, diese zu stützen und zu vermitteln. Wir freuen uns auch auf Eure Meinung – wie schätzt Ihr die Situation bei der Lufthansa ein? Diskutiert gern in den Kommentaren mit uns mit!

pro: Die Lufthansa ist für andere Aspekte eine Fünf-Sterne-Fluggesellschaft geworden

Dass ausgerechnet ich die Pro-Seite in dieser Debatte einnehme, mag etwas verwunderlich sein. Erst kürzlich habe ich meine Erfahrungen und Probleme mit der Lufthansa in der Business Class mitgeteilt. Dafür habe ich viel Zuspruch erhalten. Auch viele unserer Leser scheinen mit dem Service der Lufthansa und vor allem mit dem Produkt nicht vollumfänglich zufrieden. Doch ich war und bin ein Freund davon, gewisse Leistungen immer in einem bestimmten Rahmen einzuordnen. Wo bewegt sich die Lufthansa also mit ihren Service-Standards im europäischen Vergleich?

Mit Economy Class Langstrecken kommt man zukünftig einfacher zum Status

Dabei wird schnell klar: Schaut man sich andere europäische Legacy Carrier an, findet man überall mehr oder weniger die gleichen Kritikpunkte. Der Sitz auf Flügen innerhalb Europas ist vergleichbar. In der Business Class werden mitunter warme Mahlzeiten und diverse Getränke serviert. In der Economy Class entfallen diese, wie bei den meisten Fluggesellschaften auf diesem Kontinent ebenfalls. Dass man sich dabei vor allem dem Druck der Low-Cost-Carrier und damit auch der Vielzahl der Passagiere beugt, lassen viele außer Acht.

International gesehen hinkt die Lufthansa durchaus hinterher. Die aktuelle Business Class ist veraltet, die First Class ist mit einigen Business Class-Produkten anderer Airlines vergleichbar. Doch sollte man einen Vergleich mit Emirates und Co. wagen, wenn die Voraussetzungen doch völlig andere sind? Airlines aus dem Nahen Osten mussten schon immer deutlich mehr in Vorleistung gehen, um Passagiere von sich zu überzeugen. First Class-Suiten mit Betten und Duschen sucht man hierzulande vergebens, sind aber keineswegs der Standard. Dennoch scheint sich die Lufthansa damit messen lassen zu müssen. Doch erhält die Lufthansa auch dafür ihre Auszeichnung von Skytrax?

Eine Auszeichnung für ihre Business Class hat die Lufthansa so nämlich nicht erhalten. Als der Kranich 2017 als erste Fluggesellschaft außerhalb Asiens diese Auszeichnung erhalten hat, waren die Vorzeichen noch andere. Über die Agentur Skytrax kann man meiner Meinung nach ein eigenes Thema eröffnen, aber die beurteilten Leistungen laut Lufthansa waren die folgenden:

Ein entscheidender Aspekt für die Vergabe des fünften Sterns war für Skytrax die Konsequenz und Kontinuität, mit der Lufthansa die Modernisierung ihres Produktes vorantreibt. So wurden beispielsweise in den letzten Jahren die Kabinen in First, Business, Premium Economy und Economy umfassend erneuert. Außerdem hat die Airline ihren Restaurant-Service von der First auf die Business Class erweitert und damit die individuelle Ansprache der Gäste verbessert. Wichtig ist auch der Blick nach vorne auf die neue Business Class, die 2020 mit der Boeing 777-9 kommt und auf eine neue, nochmals verbesserte Premium Economy und Economy Class. Auch mit der neuen Lufthansa App und vielen digitalen Services am Boden und an Bord kann Lufthansa punkten.

Insgesamt werden 800 Bereiche am Boden und in der Luft begutachtet. Eine explizite Auszeichnung für den Sitz in der Business oder First Class gibt es nicht. Vielmehr werden die Bestrebungen der Lufthansa hervorgehoben, verschiedene Leistungen in der gesamten Kabine anbieten zu können. Mit der Boeing 777-9 erfährt die Economy Class sowie Premium Economy die erneute Erwähnung. Davon abgesehen, kann die Lufthansa nichts für die Verzögerungen bei der Auslieferung des neuen Nachfolgemodells. Damit verzögert sich auch die Indienststellung der neuen Business Class.

contra: Die Lufthansa hat keine fünf Sterne verdient

Ich bin der Meinung, dass die Lufthansa längst keine Fünf-Sterne-Airline mehr ist. Woran ich das festmache? Das werde ich in meinem Contra-Part versuchen näherzubringen. Vorab möchte ich dennoch anmerken, dass ich innerhalb Europas tatsächlich gerne mit der Lufthansa fliege. Sei es auf einer Strecke wie zwischen Hamburg und München oder von Hamburg über Frankfurt nach Barcelona – man weiß, was man bekommt. Doch was bekommt man als Reisender eigentlich?

Das bringt mich direkt zum ersten großen Kritikpunkt – das Bordprodukt. Der Sitz sticht auf der Kurz- und Mittelstrecke sowohl in der Economy Class als auch Business Class schlichtweg nicht hervor. Ich möchte über den Sitz an sich gar nicht meckern, aber wieso verdient eine Fluggesellschaft satte fünf Sterne, obwohl in der Business Class ein standardisierter Sitz verbaut ist und lediglich der Mittelsitz frei bleibt? Im weltweiten Vergleich – und auf dieser Ebene müssen wir und muss sich die Lufthansa vergleichen – gibt es dort einiges an Verbesserungspotenzial. Turkish Airlines beispielsweise ist der Lufthansa hier auch auf Kurz- und Mittelstreckenflügen – hier speziell beim Einsatz von Schmalrumpfflugzeugen – um einiges voraus. Selbiges gilt in Asien für Singapore Airlines oder dergleichen. Ein schnöder Economy Class Sitz mit einem freien Mittelsitz sollte nicht der Anspruch einer Fünf-Sterne-Airline sein.

Lufthansa Business Class im Oberdeck der Boeing 747-400

Doch nicht nur das Bordprodukt auf der Kurz-und Mittelstrecke hinkt hinterher. Auch die Business Class auf der Langstrecke ist nicht mehr zeitgemäß, wenngleich Familien und Paare die 2-2-2-Konfiguration wohl zu schätzen wissen – als Alleinreisender, wie zuletzt Anna, möchte ich per se keinen fremden Sitznachbarn nur wenige Zentimeter neben mir sitzen haben. Privatsphäre schreibt man bei der Lufthansa dahingehend nicht so groß. Darüber hinaus lässt der Zustand der Sitze und die Sauberkeit, zuletzt auf meinem Flug von Hamburg nach Dubai, schlichtweg zu wünschen übrig. Hautschuppen und Haare meiner vorherigen Sitzplatzinhaber konnte ich mühelos ausfindig machen – das geht meiner Meinung nach gar nicht. Vor allem nicht in Zeiten von Corona, wo Hygiene doch über allem stehen sollte.

Über die Lufthansa First Class möchte ich mir offenkundig kein Urteil erlauben, ich bin sie schlichtweg selbst noch nicht geflogen. Eine differenzierte Meinung kann ich Euch dahingehend nicht liefern. Selbiges gilt für die Lufthansa First Class Lounge sowie für das Lufthansa First Class Terminal.

Ein zweiter Kritikpunkt sind meiner Meinung nach die Lounges der Lufthansa. Verglichen mit den Lounges von Qatar Airways oder auch Emirates kann die Lufthansa nicht mithalten. Vor wenigen Tagen habe ich die Formulierung “Paradies des Kartoffelsalats” gelesen. Selten musste ich aufgrund der zutreffenden Bezeichnung derartig lachen. Mal im Ernst – das Interieur der Lounges hat hier und da eine Renovierung nötig. Selbiges gilt auch für das kulinarische Angebot. Ich erwarte als Business Class Fluggast einfach mehr als “nur” zwei warme Speisen, wovon die eine eine schnöde Suppe darstellt. Dieser Kritikpunkt bildet die perfekte Überleitung zu einem weiteren Kritikpunkt, den meinem Empfinden nach eine Vielzahl an Lesern und Fluggästen teilen – das Catering.

“Tasting Heimat” – eine schöne Idee auf der Kurz- und Mittelstrecke, aber in meinen Augen ist das kulinarische Angebot NICHT mit dem der Konkurrenz, gerne nenne ich an dieser Stelle erneut Turkish Airlines, vergleichbar. Etliche Leser und reisetopia Club Lounge Mitglieder bemängeln das kulinarische Angebot, selbst die Crews entschuldigen sich dafür, drei Salatblätter und zwei Kartoffeln servieren zu müssen. To be fair – ich persönlich hatte auf den vergangenen Flügen “Glück” mit dem kulinarischen Angebot – geschmacklich konnte es mich überzeugen. Unser Autor Alex durfte sich auf einem Business Class Flug nach Madrid zwar über eine vegetarische Speise freuen – jedoch handelt es sich hierbei um jene Speise, die auch auf der Langstrecke angeboten wird – in der Economy Class. Doch nicht nur in der Business Class weist die Lufthansa Mängel auf, auch in der Economy Class. Eine Flasche Wasser und eine Schokoladentafel sind für den zahlenden Fluggast noch gerade gut genug. Alles Weitere darf zu Ryanair-Preisen käuflich erworben werden. Ryanair? Genau, der Vergleich muss erlaubt sein. Die Corona-Sparmaßnahmen haben dafür gesorgt, dass nicht mal mehr ein Warsteiner auf einem Flug kostenlos ist.

Fazit zum aktuellen Stand der Lufthansa

Ist die Lufthansa noch eine Fünf-Sterne-Fluggesellschaft oder war sie es jemals überhaupt? Die Parameter dafür setzt jeder Passagier wohl individuell. Alex und Tobi sind sich zwar einig: Bei der Lufthansa ist nicht alles so schlecht, wie es gerne dargestellt wird. Verbesserungspotenzial gibt es jedoch mittlerweile an vielen Ecken bei einer Fluggesellschaft, die in die Jahre gerät. Ein Einzelschicksal? Wohl kaum, denn viele große Fluggesellschaften haben ihre Probleme sich selbst zu finden, seitdem Low-Cost-Carrier wie Ryanair und Co. am Himmel aufgetaucht sind. Dabei stillen Fluggesellschaft nur die Nachfrage der meisten Kunden – und das sind eben günstige Flugtickets. Und dennoch: Das darf nicht zulasten aller Fluggesellschaften gehen. Die Lufthansa hat einen weiten Weg vor sich. Neue Bordprodukte werden schon bald auch endlich in den Liniendienst gestellt. Ob die Lufthansa damit an alte Stärken anknüpfen kann, bleibt offen.

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Autor

Alexander Fink ist als Content Editor seit Januar 2021 für reisetopia tätig. Zuvor war er als Account Manager in der Industrie beruflich unterwegs und schrieb von seinen Reiseerfahrungen im eigenen Blog. Heute ist er Euer Ansprechpartner für alle Airline- und Kreditkartenthemen.

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