Vor gut einem Jahr drohte das lukrative US-Geschäft der Lufthansa unter dem “Trump-Effekt” wegzubrechen. Ein Jahr später ist die Bilanz überraschend zwiespältig – und die laufende Fußball-WM in Nordamerika wird zum echten Stresstest.
Als die ersten Zollankündigungen aus Washington die Märkte schockten, schien die Lage für Europas Airlines düster: Die Nachfrage auf den hochprofitablen Nordatlantikstrecken drohte einzubrechen, für Konzerne wie die Lufthansa wäre das ein Desaster gewesen. Gut ein Jahr später lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Zahlen – und auf die Frage, was die laufende Fußball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko für das wichtigste Langstreckengeschäft der Branche bedeutet.
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Der Trump-Effekt ist real – die Zahlen sind eindeutig
Eines vorweg: Der Effekt existiert, und zwar messbar. Während der globale Tourismus 2025 ein Rekordjahr feierte und die internationalen Ankünfte weltweit um rund vier Prozent zulegten, ging die Zahl ausländischer Besucher in den USA gegen den Trend zurück – laut Branchendaten um etwa 5,5 Prozent, der stärkste Rückgang seit zwei Jahrzehnten außerhalb der Corona-Pandemie.
Besonders drastisch fällt es bei den direkten Nachbarn aus: Die Zahl kanadischer Reisender brach 2025 um rund 25 bis 30 Prozent ein. Unterm Strich dürften den USA dadurch zweistellige Milliardenbeträge entgangen sein – der World Travel & Tourism Council rechnet allein für 2025 mit einem Minus von rund 12,5 Milliarden US-Dollar bei den Ausgaben internationaler Gäste.
Hausgemacht ist dabei vieles: Die Mischung aus feindseliger Rhetorik, verschärften Grenzkontrollen, einer fast verdoppelten ESTA-Gebühr (von 21 auf 40 US-Dollar) und einem zwischenzeitlich ungünstigen Wechselkurs hat die Stimmung gedrückt. Pikanterweise wurde ausgerechnet das Marketingbudget der Tourismusagentur Brand USA mitten in dieser Phase um 80 Prozent zusammengestrichen.
Zwischen “Trump Slump” und Buchungsboom
Für die Airlines ist die Lage damit aber keineswegs nur düster. Sie trifft der Trump-Effekt zweigeteilt: Zwar lässt die Lust der Europäer auf US-Reisen nach, doch die Nachfrage aus den USA selbst erweist sich als bemerkenswert robust. Genau dieser Mix entscheidet – und er fällt überraschend günstig aus.
Wie stark das US-Geschäft trägt, zeigt Air France-KLM: Die Gruppe fuhr 2025 erstmals über zwei Milliarden Euro operativen Gewinn ein, getragen von einer widerstandsfähigen Transatlantiknachfrage. Rund 56 Prozent des Atlantik-Umsatzes stammten aus dem US-Verkauf, der zudem überdurchschnittliche Erträge bringt. Auch die Lufthansa verbuchte im ersten Quartal 2025 über sieben Prozent mehr Atlantik-Gäste, musste im dritten Quartal eine vorübergehende Delle hinnehmen – sah die Nachfrage danach aber wieder anziehen und meldete für das Gesamtjahr einen Rekordumsatz.
Der Schlüssel liegt im Premiumgeschäft: Auf den gefragtesten Strecken bringt allein die Business Class fast so viel Ertrag wie die gesamte Economy. Solange die zahlungskräftigen US-Gäste und die Premiumkabinen voll bleiben, federn sie die schwächere Nachfrage in der europäischen Economy weitgehend ab – auch wenn die Durchschnittserlöse 2025 leicht nachgaben.
Reibungslos läuft es trotzdem nicht überall: Weil die europäische Zurückhaltung auf einzelnen Verbindungen überwiegt, haben Lufthansa und SWISS dort zuletzt sogar Kapazitäten gedrosselt – ein Transatlantikmarkt im Ungleichgewicht.
Unverzichtbarer Markt – warum jetzt trotzdem alle ausbauen
Dass kaum ein Konzern den US-Markt einfach schrumpfen kann, liegt an seiner schieren Bedeutung: Nord- und Lateinamerika machen je nach Gruppe 30 bis 40 Prozent des Geschäfts aus, einzelne Airlines schicken sogar über 70 Prozent ihres Langstreckenangebots in die USA.
Entsprechend offensiv agiert die Branche – trotz aller Unsicherheit. Die Lufthansa baut ihr Interkontinentalangebot 2026 um rund sechs Prozent aus, mit Schwerpunkt USA und neuen Zielen wie Raleigh-Durham oder St. Louis. Auf der anderen Seite des Atlantiks legen die US-Carrier nach: American Airlines nimmt im Sommer 2026 gleich fünf neue Europastrecken auf, darunter täglich Dallas-Fort Worth–Zürich, und auch United Airlines wächst über den Atlantik weiter.
Die Botschaft dahinter ist eindeutig: Statt sich zurückzuziehen, setzen die großen Gruppen darauf, die schwankende Nachfrage über Preis, Kapazitätssteuerung und den Passagiermix auszubalancieren – und sichern sich so ihre Position für den Tag, an dem die Stimmung wieder dreht.
Die Fußball-WM als Stresstest
Den Praxistest für all das liefert ausgerechnet die Fußball-Weltmeisterschaft 2026, die noch bis Mitte Juli in den USA, Kanada und Mexiko läuft. Auf dem Papier ist das Turnier ein gigantisches Konjunkturprogramm: Die FIFA rechnet mit rund 13 Millionen Besuchern über alle drei Gastgeberländer, allein für die USA werden gut 1,2 Millionen internationale Gäste und rund 6,4 Milliarden US-Dollar an Ausgaben erwartet – Reisende, die im Schnitt mehr als 5.000 Dollar ausgeben.
Genau hier kollidiert die Erwartung mit dem Trump-Effekt. Wer aus vielen klassischen Fußballnationen anreisen möchte, scheitert schlicht an der US-Bürokratie: Auf einen Termin für ein Touristenvisum wartet man in Bogotá derzeit rund 677 Tage – das Turnier wäre da längst vorbei. Auch in Brasilien oder der Türkei sind es teils über 600 Tage, in Indien oder den Emiraten über 400.
Die US-Regierung versucht gegenzusteuern – mit dem “FIFA PASS” für Ticketinhaber und mehreren Hundert zusätzlichen Konsularkräften. Die Skepsis bleibt jedoch: Im Frühjahr 2026 meldeten rund 80 Prozent der Hotels in den Gastgeberstädten Buchungen unter den ursprünglichen Erwartungen. Der erhoffte Ansturm könnte also kleiner ausfallen als prognostiziert.
Pikant aus europäischer Sicht: Die offiziellen Airline-Partner des Turniers sind American Airlines und Qatar Airways – Lufthansa & Co. verdienen an der WM-Nachfrage also mit, ohne den Marketing-Glanz des Sponsorings.
Hoffnungsschimmer statt Schreckensszenario
Schlussendlich ist das Schreckensszenario von vor einem Jahr ausgeblieben. Die europäischen Airlines haben bewiesen, dass sie mit der veränderten Nachfrage umgehen können – über den Passagiermix, starke Premiumkabinen und gezielte Kapazitätssteuerung. 2025 fuhren Air France-KLM, IAG und die Lufthansa Group ordentliche bis rekordhohe Gewinne ein und ließen an der Börse zeitweise sogar ihre US-Konkurrenten hinter sich.
Eine Entwarnung ist das trotzdem nicht. Die Fußball-WM führt vor Augen, wo die selbst gebaute Grenze liegt: Solange Visa-Hürden, teurere Einreise und eine angespannte politische Großwetterlage Gäste abschrecken, bleibt das transatlantische Wachstum gedeckelt. Eine echte Entspannung – ganz im Sinne eines “Deals” – würde der Branche spürbar helfen. Bis dahin gilt für Lufthansa & Co.: Planen mit angezogener Handbremse, aber längst nicht mehr im reinen Krisenmodus.
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