Condors Eigentümer Attestor bereitet seinen Ausstieg vor – eine Übernahme rückt damit näher. Was bei Airlines meist nach schlechten Nachrichten für Verbraucher klingt, könnte im Fall von Condor genau das Gegenteil sein.
Fusionen und Übernahmen sind auf dem Airline-Markt für Reisende selten ein Grund zur Freude. Im Fall von Condor könnte das anders sein – denn allein wird es für die Ferienfluggesellschaft schwer, langfristig zu bestehen. Und die Frage nach einem neuen Eigentümer ist längst keine reine Spekulation mehr: Der Finanzinvestor Attestor, der Condor durch die Krise geführt hat, sondiert den Markt bereits aktiv. Höchste Zeit, nüchtern einzuordnen, warum eine Übernahme für Condor – und gerade für Premium-Reisende und Meilensammler – mehr Chance als Gefahr wäre.
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Attestor sucht einen Käufer – und das hat einen klaren Grund
Dass über einen Eigentümerwechsel bei Condor gesprochen wird, ist kein Zufall. Attestor übernahm seinerzeit als Retter 51 Prozent an der Airline, die übrigen 49 Prozent hält eine Gesellschaft im Auftrag von Bund und Land. Rund 200 Millionen Euro frisches Eigenkapital und weitere etwa 250 Millionen Euro für die Flottenmodernisierung nahm der Londoner Investor in die Hand – mit Erfolg, denn Condor schreibt inzwischen wieder schwarze Zahlen. Genau deshalb bereitet Attestor nun offenbar den Ausstieg vor: Berichten zufolge lotet der Investor einen Teil- oder Komplettverkauf seiner Airline-Beteiligungen – neben Condor auch der Ferienflieger Marabu – aktiv aus und hat dafür die Investmentbank Barclays mandatiert.
Der Zeitpunkt kommt nicht von ungefähr: Ende 2026 laufen die staatlich garantierten KfW-Kredite aus, von den ursprünglich rund 550 Millionen Euro sind noch etwa 400 Millionen zurückzuzahlen. Für einen Finanzinvestor ist das der klassische Moment, eine sanierte Beteiligung mit Gewinn weiterzureichen, bevor die staatliche Absicherung endet. Auch Condor-Chef Peter Gerber hat einen möglichen Verkauf zuletzt frühestens für 2026 verortet. Die entscheidende Frage lautet damit nicht mehr ob, sondern an wen.
Übernahmeschlacht in Europa – wer als Käufer infrage kommt
Konsolidierungen, Staatshilfen und Insolvenzen gehören in der Luftfahrt fast zum Alltag – und das Tempo hat zuletzt noch einmal angezogen. Air France-KLM hat sich SAS einverleibt, die Lufthansa ihre Übernahme von ITA Airways finalisiert, und um die Privatisierung von TAP Air Portugal liefern sich Lufthansa und Air France-KLM derzeit ein Bieterrennen, aus dem sich IAG bereits zurückgezogen hat. Für expansionswillige Gruppen bleiben damit kaum noch attraktive Ziele übrig.
Genau hier kommt Condor ins Spiel. Als aussichtsreichster Kandidat gilt die britisch-spanische IAG: Die Gruppe hinter British Airways und Iberia könnte mit Condor die Lücke schließen, die der Air-Berlin-Kollaps in Zentraleuropa hinterlassen hat – zumal die geplante Übernahme von Air Europa geplatzt ist und der Gruppe nach dem Rückzug aus dem TAP-Verfahren ein naheliegendes Wachstumsziel fehlt. IAG ist aber nicht der einzige denkbare Käufer: Auch Air France-KLM oder finanzkräftige Investoren aus der Golfregion – Condor kooperiert bereits mit Etihad – werden immer wieder genannt.
So oder so gilt: Wer Condor übernimmt, bekommt eine Airline, die sich zuletzt beeindruckend berappelt hat – mit moderner Flotte, wachsendem Langstreckennetz und einem überraschend starken Premium-Produkt. In den neuen A330neo bietet Condor inzwischen eine richtig gute Business Class mit vollwertigen Lie-flat-Sitzen, und selbst auf vielen Zubringerflügen gibt es eine echte Business Class mit frei bleibendem Mittelsitz – für einen früheren Ferienflieger bemerkenswert.
Condor braucht einen starken Partner – allein wird es schwer
Bei aller positiven Entwicklung bleibt das Grundproblem: Im Alleingang ist es für eine mittelgroße Airline kaum möglich, dauerhaft gegen die großen Gruppen zu bestehen. Der lukrative Nordatlantik wird von drei immunisierten Joint Ventures rund um Lufthansa, Air France-KLM und IAG beherrscht, die ihre Flugpläne, Preise und Vielfliegerprogramme eng abstimmen dürfen. Gegen dieses Zusammenspiel aus Netzbreite, Drehkreuz-Zubringern und Stammkundenbindung anzukommen, ist für einen Einzelkämpfer wie Condor auf Dauer schwer – zumal am Ende Skaleneffekte bei Einkauf, Flotte und Vertrieb über die Marge entscheiden.
Verschärft wird die Lage durch den Bruch mit der früheren Mutter Lufthansa: Diese hat Condor die Zubringer-Kontingente gestrichen, vor Gericht unterlag Condor in dem Streit sogar. Die Folge: Condor baut von Frankfurt aus ein eigenes Europanetz auf, holt sich Zubringer-Partner wie Marabu und German Airways an Bord und nimmt 2026 neue Ziele wie Budapest, Venedig und Barcelona auf.
Das ist unternehmerisch stark – aber teuer und riskant, wenn man es ohne den Rückhalt einer großen Gruppe stemmen muss. Genau deshalb wäre ein finanzstarker Eigentümer für Condors langfristiges Überleben womöglich der entscheidende Baustein. Wie es um Condors Zukunft bestellt ist, haben wir auch an anderer Stelle näher beleuchtet.
Mit einem Partner wie IAG ins transatlantische Joint Venture
Besonders spannend wird es auf der Langstrecke. Ein Einstieg von IAG könnte Condor mittelfristig den Weg in das transatlantische Joint Venture von American Airlines, British Airways, Finnair und Iberia ebnen – eines jener kartellrechtlich freigestellten Bündnisse, die den Nordatlantik unter sich aufteilen. Für Condor hieße das: abgestimmte Flugpläne, verknüpfte Umsteigeverbindungen über Drehkreuze wie London, Madrid und die US-Hubs der Partner sowie geteilte Erträge statt ruinösem Preiskampf. Gerade die wertvolle Nachfrage aus den USA, die heute oft an Condor vorbeibucht, ließe sich so spürbar besser erschließen.
Ganz aus der Luft gegriffen ist das nicht: Condor führt bereits Gespräche mit American Airlines über eine engere Zusammenarbeit. Aus Verbrauchersicht klingt ein solches Joint Venture zunächst zwiespältig, bietet Condor doch heute oft vergleichsweise günstige Preise in die USA und nach Kanada. Die ehrlichere Frage ist aber, was die Alternative wäre – ein Condor, das im Alleingang ums Überleben kämpft, nützt am Ende niemandem. Und gerade für Vielflieger steckt darin eine Chance: Condors gerade entstehendes Programm Condor Stripes könnte unter dem Dach einer großen Gruppe an eine etablierte, wertvolle Währung wie Avios andocken – ein spürbarer Mehrwert für Meilensammler.
Kartellrechtlich überschaubar – und für Verbraucher kein Drama
Wettbewerbsrechtlich dürften die Hürden überschaubar bleiben. Anders als bei einer Übernahme durch die ohnehin schon dominante Lufthansa würde ein IAG-Einstieg auf dem deutschen Markt kaum zusätzliche Marktmacht bündeln – im Gegenteil, er schüfe eher ein Gegengewicht. Selbst gemeinsam mit American Airlines käme Condor auf den Nordatlantikstrecken nur auf einen im Vergleich zu Lufthansa, United und Air Canada geringen Anteil, und auch mit Umsteigeverbindungen über London und Madrid entstünde keine relevante Dominanz. Ernsthafte Auflagen der Kartellwächter sind daher kaum zu erwarten.
Und für Reisende? Ja, die heute oft günstigen Condor-Tarife in die USA und nach Kanada könnten sich in einem großen Verbund verändern. Doch ein stabiles, gut aufgestelltes Condor ist am Ende mehr wert als kurzfristige Kampfpreise einer Airline, deren Zukunft auf der Kippe steht.
Die Frage ist nicht ob, sondern wer
Unterm Strich steht fest: Attestor wird Condor über kurz oder lang abgeben, und mit dem Auslaufen der KfW-Kredite rückt der Zeitpunkt näher. Die spannende Frage ist nicht mehr, ob es zu einer Übernahme kommt, sondern wer am Ende zugreift – und IAG wäre dabei der naheliegendste, aber längst nicht einzige Kandidat.
Für Condor wäre der Anschluss an eine große Gruppe vor allem eines: eine Chance. Sie gäbe der Airline den Rückhalt, den sie im brutalen Wettbewerb der Luftfahrt braucht – und sichert am Ende auch den Reisenden ein verlässliches, modernes Angebot – inklusive der starken Business Class und der Aussicht auf ein endlich vollwertiges Loyalitätsprogramm. Genau deshalb wäre eine Übernahme von Condor eine gute Nachricht.
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