Eine Überraschung war es allemal: Die Lufthansa Group wollte mehr als nur einen freien Mittelsitz in der Business Class auf der Mittelstrecke anbieten – den Anfang machte ausgerechnet Eurowings. Inzwischen ist aus dem Test Realität geworden, und die Fluggesellschaft entwickelt sich tatsächlich zum Vorbild für den gesamten Konzern.

Schon länger stand im Raum, dass sich die Lufthansa ein Vorbild an ihrer Tochter ITA Airways nehmen könnte, wenn es um das Business Class Produkt auf der Mittelstrecke geht. Nachdem die Italiener den Airbus A321neo mit voll flach verstellbaren Sitzen erfolgreich im Linieneinsatz etabliert hatten, zog die Lufthansa bei einer anderen Tochter nach: Seit dem 22. November 2025 fliegt Eurowings mit dem neuen Premium BIZ Seat von Berlin nach Dubai. Ein ITA-Erlebnis sollte man dabei nicht erwarten – eine echte Neuerung für die europäische Mittelstrecke ist es trotzdem.

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Premium Economy statt Business Class

Wer auf vollwertige Liegesitze gehofft hatte, wurde nicht bedient: Statt eines flachen Betts bietet Eurowings nun Reihen, in denen auf beiden Seiten nur jeweils zwei Sitze verbaut sind – mit spürbar mehr Platz und Fußraum. Insgesamt acht dieser Recliner-Sitze in 2-2-Konfiguration ersetzen die ersten beiden Reihen. Das Produkt orientiert sich damit eher an einer Premium Economy als an der Business Class von ITA Airways – für die europäische Mittelstrecke ist aber auch das schon eine große Neuerung.

Anders als zunächst spekuliert kam nicht der Safran Z600, sondern ein anderer Recliner-Sitz

Im Vorfeld war viel über den Safran Z600 spekuliert worden, den etwa ITA Airways und der Star-Alliance-Partner United einsetzen. Letztlich entschied sich Eurowings jedoch für einen anderen Recliner – einen breiten Sessel mit verstellbarer Beinablage, der rund einen Meter Beinfreiheit verspricht. Inhaltlich ändert das wenig: Die Stoßrichtung – ein Premium-Economy-ähnlicher Sitz statt eines klassischen Business-Sitzes – blieb genau so, wie sie sich abgezeichnet hatte.

Dazu passte auch ein Zitat von Carsten Spohr aus der Ankündigungsphase: „Wir haben entschieden, dass die Eurowings vorangehen wird mit einem Recliner-Sitz, wie man ihn vielleicht aus den USA kennt, mit nur vier Sitzen pro Reihe, die man deutlich weiter zurücklehnen kann.“ Der ganz große Wurf ist das sicher nicht – für die europäische Luftfahrt ist es aber dennoch eine bemerkenswerte Neuerung. Schließlich sind auf den meisten Mittelstrecken bis heute Maschinen im Einsatz, die selbst in der höchsten Reiseklasse nur typische Economy-Sitze bieten.

Eurowings als wirtschaftliches Testfeld der Gruppe

Dass die Lufthansa ausgerechnet bei Eurowings einen neuen Sitz erprobte, war nur auf den ersten Blick überraschend. Die eigentliche Günstigairline ist in der Gruppe gewissermaßen zum Testfeld geworden. Mit Erfolg hat sie Flüge mit Kleinraummaschinen in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Saudi-Arabien aufgenommen – die Dubai-Route gilt sogar als eine der erfolgreichsten im gesamten Eurowings-Netz.

Die Dubai-Strecke ist die erfolgreichste im Eurowings-Netzwerk

Dass die Gruppe mit einem Sitz experimentierte, der sich an der US-Domestic-First beziehungsweise der Premium Economy auf der Langstrecke orientiert, war insofern keine Überraschung. Beim Test ging es eben nicht nur darum, wie der Sitz bei den Passagieren ankommt – mindestens ebenso wichtig war die Frage, wie wirtschaftlich er sich betreiben lässt.

Denn der besondere Sitz zwingt die Airline zu einer Subflotte, die vor allem auf bestimmten Strecken eingesetzt wird, und verlangt zugleich mehr Platz pro Reihe. Der Recliner braucht gegenüber dem bisherigen Produkt mehr Raum in der Kabine und ist schwerer, was die Kosten erhöht – Faktoren, die sich über den Ticketpreis erst einmal hereinholen lassen müssen.

Den Premium BIZ Seat gibt es seit November 2025 in ausgewählten Eurowings-Maschinen

Genau hier liegt der Kern des Experiments – und die Antwort fiel deutlich aus: Eurowings bietet den Premium BIZ Seat als kostenpflichtigen Aufpreis an, der ab 399,99 Euro pro Strecke startet, zeitweise aber auch bei rund 600 Euro und im Dezember 2025 sogar nahe 1.000 Euro lag. Rabatte für Statuskunden wie Senatoren oder HON Circle Member gibt es für die Reservierung nicht. Die reguläre BIZclass mit freiem Mittelsitz bleibt günstig zu haben – der echte Komfort kostet nun aber extra.

Der Erfolg beginnt, den europäischen Markt zu verändern

Genau dieser Erfolg ist eingetreten: Nach den positiven Tests weitet Eurowings das Produkt deutlich aus und rüstet statt bislang zwei künftig alle acht Airbus A320neo mit den Premium-Sitzen aus. Neben Dubai sollen die Sitze auf weiteren nachfragestarken Strecken buchbar sein – darunter Geschäftsreiseziele wie London ebenso wie Urlaubsklassiker wie Mallorca und die Kanaren. Damit wird Eurowings tatsächlich zum Vorbild für die ganze Lufthansa Group.

Nach dem erfolgreichen Test zieht die Lufthansa Group nun nach

Dass ähnliche Sitze früher oder später auch bei Lufthansa, Swiss oder Austrian Airlines auftauchen würden, galt als wahrscheinlich – und ist inzwischen offiziell: Konzernchef Carsten Spohr hat angekündigt, dass auch die Lufthansa echte Business Class Sitze auf ausgewählten Mittelstreckenjets einführen wird, zunächst mit zwei Reihen in einigen Flugzeugen. Die Gedankenspiele könnten aber noch weitergehen: Werden die Sitze gut angenommen, könnte die Gruppe Teile ihres Nahost-Netzes künftig verstärkt auf Klein- statt Großraummaschinen umstellen.

Solche Veränderungen dürften auch von der Konkurrenz aufmerksam beobachtet werden, bieten doch Air France, British Airways oder KLM auf Strecken nach Nordafrika oder Israel – und selbst innereuropäisch – in der Regel nur Standardsitze mit freiem Mittelsitz. Gerade auf Citystrecken wie nach London tritt Eurowings damit zum Frontalangriff auf Platzhirsche wie British Airways an. Zeichnet sich ein wirtschaftliches Erfolgsmodell ab, könnten die in den USA längst üblichen Recliner in der Business Class zumindest auf Europas Mittelstrecken zum Standard werden – bislang sind Anbieter wie Turkish Airlines mit hochwertigem Sitzprodukt noch die Ausnahme.

Am Ende gewinnt nicht zwingend der Passagier

Was zunächst nach einer rundum erfreulichen Entwicklung für den europäischen Markt klingt, sollte man bei aller Vorfreude nicht überbewerten. Die Lufthansa Group ist in den vergangenen Jahren nicht dadurch aufgefallen, das Bordprodukt vor allem zur Freude der Passagiere aufzuwerten. Vielmehr geht es darum, die Ertragsstruktur zu verbessern – und genau das zeigt sich beim neuen Sitz, der eben nur gegen teils saftigen Aufpreis zu haben ist.

Ähnlich wie bei der Einführung der Allegris Business Class dreht die Gruppe auch hier – beim Eurowings-Start ebenso wie beim nun anstehenden größeren Rollout – an der Preisschraube, um sich den zusätzlichen Platz und das Mehrgewicht an Bord bezahlen zu lassen. Passagiere bekommen also die Chance auf mehr Komfort auf ausgewählten Mittel- und perspektivisch sogar gefragten Kurzstrecken, zahlen dafür aber auch mehr – genau wie in den USA.

Turkish Airlines setzt Maschinen mit ähnlichen Sitzen auch auf recht langen Flügen ein

Damit nicht genug: Sollte sich das Modell als besonders erfolgreich erweisen, droht ein ganz neuer Trend. Warum sollte man entsprechend bestuhlte Maschinen ohne echte Business Class nicht auch auf längeren Strecken einsetzen, auf denen es technisch möglich ist? Denkbar wären – neben dem Mittleren Osten – teilweise auch Verbindungen nach Indien oder an die Ostküste Nordamerikas.

Statt mehr Komfort gäbe es dann womöglich sogar weniger – dass das funktionieren kann, macht Icelandair längst vor. Den Teufel muss man aber nicht an die Wand malen: Die aktuelle Innovationswelle bei den Bordprodukten und der harte Wettbewerb nähren zumindest die Hoffnung, dass eine Premium Economy als Business Class auf kurzen Langstrecken die Ausnahme bleibt. Fürs Erste steht vor allem fest, dass Eurowings mit dem Premium BIZ Seat eine Lücke besetzt hat, die nun den gesamten Konzern und perspektivisch ganz Europa in Bewegung bringt.

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Moritz hat sich über die Jahre ein enormes Wissen über Finanzprodukte, Loyalitätsprogramme und Luxusreisen angeeignet. Für Luxushotels, First Class Flüge sowie die Details von Kreditkarten, Tagesgeldkonten und mehr ist Moritz genau der richtige Ansprechpartner!

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